Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, gab am 8. Dezember 2025 eine bemerkenswert besonnene Einschätzung ab und betonte, Deutschland habe „keinen Grund, mit den Vereinigten Staaten zu brechen“ trotz der Veröffentlichung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) in Washington. Seine Aussagen erfolgten, während mehrere europäische Regierungen ihre Sorge über den ideologischen Ton und die Abweichungen von langjährigen transatlantischen Sicherheit sprinzipien äußerten. Selen stellte klar, dass die Geheimdienstkooperation als operative Notwendigkeit von politischen Spannungen getrennt bleiben müsse.
Die am 4. Dezember veröffentlichte NSS warnt vor einer angeblich drohenden „zivilisatorischen Auslöschung“ Europas infolge von Migrationspolitik, Zensur und wirtschaftlicher Schwäche. Während das Dokument seine schärfsten Angriffe gegen EU-Institutionen richtet, stuft es Russland nicht länger als zentrale Bedrohung ein und fordert NATO-Partner auf, bis 2027 mehr Verantwortung für die konventionelle Verteidigung zu übernehmen. Selen erkannte diese Divergenzen an, betonte jedoch, dass Geheimdienstkanäle für Terrorismusbekämpfung und die Überwachung hybrider Bedrohungen unverzichtbar seien.
Seine Intervention ist weniger politische Unterstützung für die NSS als Ausdruck einer pragmatischen Neuausrichtung. Zugleich forderte Selen, dass Deutschland eigene Überwachungstechnologien schneller entwickelt, um die Abhängigkeit von US-Firmen wie Palantir zu verringern nicht als Bruch, sondern als Reifungsprozess.
US-Sicherheitsstrategie 2025 und europäische Reaktionen
Die NSS liefert eine scharfe Kritik an EU-Migrationsmodellen, Regulierungen der Meinungsäußerung und ökonomischer Steuerung. Ihre Warnung, Europa könne in zwei Jahrzehnten „strategisch irrelevant“ werden, markiert einen deutlichen Bruch mit früheren Narrativen gemeinsamer demokratischer Resilienz. Die Strategie betont US-Dominanz auf dem amerikanischen Kontinent und fordert europäische Verbündete zu größerer Autonomie bei Beschaffung und Einsatzfähigkeit auf.
Friktionen bezüglich der Russland-Bewertung
Dass Russland nicht mehr als prioritäre Bedrohung geführt wird, widerspricht den kollektiven Risikoanalysen der NATO. Seit Februar 2022 hat sich Deutschland eng an die Einschätzungen der Allianz zu Moskaus destabilisierendem Verhalten gehalten. Die NSS plädiert dagegen für Wege zu einem „dauerhaften Frieden“ in der Ukraine – was Druck in Richtung territorialer Kompromisse implizieren könnte. Europäische Beamte äußerten privat Sorge, dies könne die Abschreckung an der Ostflanke der NATO schwächen.
Europäische politische Reaktionen
Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille wies die NSS-Kritik am 8. Dezember als ideologisch motiviert zurück. Außenminister Johann Wadephul bekräftigte am 5. Dezember, Berlin werde keine externen Hinweise auf seine demokratischen Normen akzeptieren, während er zugleich die USA als unverzichtbaren NATO-Verbündeten bezeichnete. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU, kritisierte die NSS wegen „vereinfachender Bewertungen“, die rechtsextreme Rhetorik in Europa verstärken könnten.
Selens strategische Positionierung in Deutschland
Selen konzentriert sich darauf, Geheimdienstverbindungen zu erhalten, die für Terrorismusbekämpfung, Cyberabwehr und Überwachung von Lieferkettenrisiken essenziell sind. Er betonte, „Partner werden sich nicht voneinander entfernen“, und verwies auf die Realität, dass Geheimdienstkooperation selbst in diplomatisch angespannten Zeiten fortbesteht. Seine Sichtweise entspricht der Praxis deutscher Sicherheitsbehörden, die stark auf US-Satellitenaufklärung, Metadatenzugriffe und operationelle Warnmeldungen angewiesen sind.
Ausbau nationaler Fähigkeiten
Selen verwies zudem auf Deutschlands Rückstand bei digitalen Überwachungswerkzeugen – insbesondere im Vergleich zu Frankreich und den Niederlanden, deren Systeme weiter integrierte Analyseplattformen nutzen. Sein Appell, heimische Technologien auszubauen, passt zu laufenden Bundestagsdebatten über die Modernisierung des BfV-Auftrags und den Ausbau rechtlicher Zugriffsrechte. Diese Schritte sollen nicht als Reaktion auf US-Kritik, sondern als Anpassung an neue Bedrohungslagen verstanden werden.
Balance zwischen Regierungsrhetorik und Sicherheitsbedarf
Während gewählte Vertreter die ideologische Ausrichtung der NSS kritisieren, setzt Selen einen funktionalen Gegenpol, der Stabilität innerhalb des NATO-Sicherheitsgefüges stärkt. Sein Ansatz spiegelt das professionelle Selbstverständnis wider, politische Veränderungen von operativen Notwendigkeiten zu trennen.
Deutschlands politische Landschaft und Belastbarkeit des Bündnisses
Die Bundesregierung stellte die Darstellung Europas als wirtschaftlich geschwächte, von Migration bedrohte Region entschieden infrage. Verantwortliche argumentierten, die NSS-Darstellung „patriotischer Widerstandsbewegungen“ könne politische Akteure in Europa ermutigen, die demokratische Institutionen anzweifeln. Wadephul warnte, Deutschland werde kein US-Signal tolerieren, das extremistische Parteien wie die AfD legitimiere.
Europäische Reflexionen über transatlantische Veränderungen
EU-Ratspräsident António Costa sprach von einer „veränderten Beziehung“ und fasste damit die breiten Sorgen in Europa zusammen. Viele europäische Hauptstädte zeigten sich überrascht, dass die NSS ihre schärfsten Angriffe gegen Verbündete statt gegen Rivalen wie Russland oder China richtete. Französische Beamte bezeichneten das Dokument privat als „strukturellen Bruch“ mit der post-kalten-Krieg-Ordnung.
NATO-Kohäsion unter politischem Druck
Die NSS fordert, dass europäische Staaten binnen zwei Jahren den Großteil der konventionellen Verteidigungsaufgaben der NATO übernehmen. Für Deutschland, das sich gerade der 2-Prozent-Zielmarke nähert, bedeutet dies erheblichen Druck in einer politisch heiklen Phase. Selens Beharren auf fortgesetzter Geheimdienstkooperation stabilisiert das Bündnis, während Verteidigungsministerien neue Kräfteverteilungen verhandeln.
Divergenzen in der Ukraine-Politik
Während die Ukraine mit verhärteten Frontlinien in das Jahr 2026 geht, sorgt die NSS-Rahmung möglicher Friedensverhandlungen in Berlin für Sorge über verfrühte Kompromissanforderungen. Deutschland bekräftigt weiterhin, dass jede Einigung die territoriale Integrität der Ukraine respektieren müsse. Die Differenz zwischen Washingtons strategischer Neuausrichtung und Berlins kollektiver Abschreckungslinie schafft operative Unsicherheit für NATO-Planer.
Koordination gegen hybride Bedrohungen
Trotz politischer Spannungen bleibt die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Desinformation, Cyberangriffen und extremistischen Netzwerken eng. Selens beruhigende Aussagen sollen verhindern, dass politische Meinungsverschiedenheiten diese Mechanismen beeinträchtigen – insbesondere angesichts zunehmender hybrider Angriffe auf europäische Infrastruktur im Jahr 2025.
Technologische Souveränität und europäische Autonomiedebatten
Nach der NSS-Veröffentlichung erhielten Forderungen nach Investitionen in nationale Überwachungs- und Analysekapazitäten neuen Auftrieb. Parlamentsausschüsse prüfen derzeit Modelle, die nationale Modernisierung mit EU-Innovationsstrategien verbinden. Frankreich und die Niederlande dienen als unmittelbare Vorbilder aufgrund ihrer jüngsten sicherheitsgetriebenen Modernisierungsschübe.
EU-Verteidigungsintegration und Autonomie
Die NSS hat die Debatte über Europas langfristige Verteidigungsautonomie erneut verstärkt. Entscheidungsträger prüfen, inwieweit die US-Neuausrichtung eine temporäre politische Entwicklung oder eine strukturelle Transformation widerspiegelt. Selens Fokus auf fortgesetzte Partnerschaft wirkt dem Risiko überstürzter politischer Reaktionen entgegen.
Zukunftspfade in einem neu austarierten Bündnis
Selens ruhige Hand bietet einen stabilisierenden Ansatz, der ideologische Spannungen überbrückt, ohne operative Kooperation zu gefährden. Seine Position zeigt, wie Geheimdienststrukturen weiterhin den Kern der transatlantischen Sicherheit bilden, selbst wenn die Diplomatie rauer wird. Während Deutschland seine Überwachungsfähigkeiten stärkt und Europa über technologische Souveränität debattiert, wird sich zeigen, ob dieser pragmatische Balanceakt den kommenden strategischen Wandel übersteht. Die Spannung zwischen US-Neurorientierung und europäischer Autonomiebestrebung wirft die Frage auf, ob die nächste Phase der NATO durch Anpassungsfähigkeit zusammengeführt oder durch neue Bruchlinien geprägt sein wird.