Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hat den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump dazu aufgefordert, sich für abfällige Äußerungen über NATO-Truppen im Afghanistan-Einsatz zu entschuldigen. Eine solche Geste würde, so Pistorius, grundlegenden „Anstand“ zeigen. Gleichzeitig dämpfte er jedoch die Erwartungen mit einer spitzen Bemerkung:
„Aber wir alle wissen, wie der US-Präsident agiert.“
Die Aussage verdeutlicht die wachsende Unruhe in Europa über Trumps Rhetorik gegenüber Verbündeten – eine Unruhe, die nun wieder auflebt, da Trump erneut im Zentrum der US-amerikanischen und internationalen Politik steht.
Äußerungen, die alte Wunden aufreißen
Trumps jüngste Kommentare, in denen er den Wert und das Engagement verbündeter NATO-Truppen in Afghanistan infrage stellte, trafen in Europa einen empfindlichen Nerv. Für viele NATO-Mitgliedstaaten war Afghanistan kein symbolischer Einsatz, sondern ein kostspieliges, zwei Jahrzehnte andauerndes Engagement, das tausende Opfer forderte – darunter mehr als 1.000 europäische Soldaten.
Allein Deutschland verlor 59 Bundeswehrangehörige während des Einsatzes – eine der höchsten Zahlen unter den nicht-amerikanischen Verbündeten. In Berlin gelten Andeutungen, NATO-Partner hätten keinen nennenswerten Beitrag geleistet, nicht nur als sachlich falsch, sondern auch als respektlos gegenüber den realen Opfern.
Pistorius, ein Sozialdemokrat, der für seine direkte Sprache bekannt ist, betonte, dass alliierte Streitkräfte während des gesamten Einsatzes „Schulter an Schulter“ mit den US-Truppen gestanden hätten. Eine Entschuldigung würde diese gemeinsame Last anerkennen und den gegenseitigen Respekt innerhalb des Bündnisses bekräftigen.
„Anstand“ und diplomatische Erwartungen
Indem Pistorius den Begriff „Anstand“ verwendete, hob er die Debatte über reine politische Meinungsverschiedenheiten hinaus und stellte sie in einen moralischen Kontext. In der diplomatischen Sprache ist dieses Wort von Bedeutung: Es impliziert eine ethische Verpflichtung, keine strategische Abwägung.
Sein Nachsatz –
„Aber wir alle wissen, wie der US-Präsident agiert“
– spiegelte jedoch die weitverbreitete Skepsis europäischer Politiker wider, dass Trump jemals eine solche Entschuldigung aussprechen würde. Während seiner Amtszeit von 2017 bis 2021 hatte Trump NATO-Verbündete wiederholt kritisiert, ihnen vorgeworfen, auf Kosten der USA zu profitieren, und sogar die Relevanz des Bündnisses infrage gestellt.
Für viele europäische Entscheidungsträger fügen sich Trumps Äußerungen zu Afghanistan nahtlos in dieses bekannte Muster ein: scharf, transaktional und ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge.
Afghanistan und das kollektive Erbe der NATO
Der NATO-Einsatz in Afghanistan begann nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als die Verbündeten erstmals in der Geschichte des Bündnisses Artikel 5 – die Beistandsklausel – aktivierten. Europäische Staaten beteiligten sich nicht aus unmittelbarem Eigeninteresse, sondern aus Bündnissolidarität.
Im Laufe der Jahre stellten NATO-Partner Kampftruppen, Ausbilder, Sanitätspersonal und logistische Unterstützung. Länder wie Großbritannien, Kanada, Deutschland, Italien und Polen spielten zentrale Rollen, oft in besonders gefährlichen Regionen.
Auch wenn der Einsatz 2021 mit der Rückkehr der Taliban an die Macht scheiterte, betonen europäische Regierungen, dass dieses Scheitern ein gemeinsames war – und die Verantwortung nicht einseitig zugeschrieben werden könne.
Eine vertraute transatlantische Kluft
Trumps Kommentare haben langjährige transatlantische Spannungen über Lastenteilung und strategische Prioritäten neu entfacht. Während seiner Präsidentschaft argumentierte Trump immer wieder, europäische Verbündete gäben zu wenig für Verteidigung aus und verließen sich übermäßig auf den Schutz der USA.
Insbesondere Deutschland stand häufig im Fokus seiner Kritik. Trump warf Berlin offen vor, das NATO-Ziel von 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben nicht zu erfüllen – ein Vorwurf, der bei Teilen der US-Wählerschaft Anklang fand, deutsche Regierungsvertreter jedoch tief verärgerte.
Pistorius, der sein Amt 2023 im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine antrat, verantwortet inzwischen einen grundlegenden Kurswechsel in der deutschen Sicherheitspolitik, einschließlich massiver Aufrüstung und deutlich erhöhter Verteidigungsausgaben. Aus Berliner Sicht wirken Trumps Aussagen daher überholt und realitätsfern.
Innenpolitische Motive hinter der Rhetorik
Analysten weisen darauf hin, dass Trumps Äußerungen ebenso sehr innenpolitisch motiviert sein könnten wie außenpolitisch. NATO-Verbündete als unzuverlässige Partner darzustellen, passt gut zur „America First“-Erzählung und spricht Teile seiner politischen Basis an, die multilateralen Verpflichtungen skeptisch gegenüberstehen.
Aus dieser Perspektive würde eine Entschuldigung – insbesondere gegenüber ausländischen Regierungen – Trumps politischer Marke widersprechen. Pistorius’ Skepsis deutet darauf hin, dass diese rhetorische Strategie in Europa durchaus erkannt wird.
„Trump betrachtet Bündnisse nicht als Gemeinschaften gemeinsamer Werte“,
sagte ein deutscher Verteidigungsexperte.
„Er sieht sie als Deals – und spricht entsprechend.“
Europäische Sorge vor einer möglichen Trump-Rückkehr
Pistorius’ Aussagen spiegeln auch die breitere europäische Sorge wider, was eine erneute Präsidentschaft Trumps für die NATO bedeuten könnte. Trump hatte bereits angedeutet, die USA könnten Verbündete, die ihre Verteidigungsausgaben nicht erhöhen, im Ernstfall nicht verteidigen – Aussagen, die das Bündnis erschütterten und Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit der USA nährten.
Angesichts des Krieges in der Ukraine und einer erneuten Konfrontation mit Russland ist diese Unsicherheit für europäische Staaten besonders beunruhigend.
Für Deutschland, das sich zu einem zentralen logistischen und militärischen Drehkreuz an der NATO-Ostflanke entwickelt hat, ist die Geschlossenheit des Bündnisses eine grundlegende sicherheitspolitische Notwendigkeit.
Respekt für Soldaten als rote Linie
Während politische Meinungsverschiedenheiten mit Washington zum Alltag gehören, gilt die Herabsetzung des Einsatzes von Soldaten für viele europäische Regierungen als rote Linie. Pistorius’ Reaktion macht deutlich, dass es zwar Raum für politische Debatten gibt, nicht jedoch für die Geringschätzung militärischer Opfer.
Dieses Verständnis ist in Deutschland besonders ausgeprägt, wo die militärische Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg von Zurückhaltung, parlamentarischer Kontrolle und Respekt gegenüber Soldatinnen und Soldaten geprägt ist.
Mit seiner Forderung nach einer Entschuldigung verteidigte Pistorius daher nicht nur die NATO als Institution, sondern auch die Menschen, die ihre Missionen ausgeführt haben.
Keine Entschuldigung erwartet – aber ein klares Signal gesendet
Nur wenige in Berlin rechnen ernsthaft mit einer Entschuldigung Trumps. Pistorius’ Stellungnahme scheint weniger darauf abzuzielen, Trumps Verhalten zu ändern, als vielmehr Deutschlands Haltung deutlich zu machen – gegenüber der eigenen Öffentlichkeit, den NATO-Partnern und Washington.
Zugleich unterstreicht sie Deutschlands gewachsene Bereitschaft, innerhalb des Bündnisses selbstbewusster aufzutreten und öffentlich Stellung zu beziehen, wenn grundlegende Prinzipien berührt werden.
Ein Test für das kollektive Gedächtnis des Bündnisses
Im Kern wirft der Streit eine grundsätzliche Frage auf: Wie erinnert sich die NATO an ihre eigene Geschichte? Afghanistan bleibt für alle Beteiligten ein schmerzhaftes Kapitel, geprägt von strategischen Fehlern und unerreichten Zielen. Für viele Verbündete hebt das gemeinsame Scheitern jedoch die gemeinsame Opferbereitschaft nicht auf.
Pistorius’ Appell an den „Anstand“ spiegelt die Überzeugung wider, dass Bündnisse nicht nur durch Erfolge bestehen, sondern auch durch gegenseitige Anerkennung von Verlusten und Einsatz – selbst dann, wenn die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Die Worte von Boris Pistorius mögen kurz gewesen sein, doch ihre Bedeutung ist erheblich. Indem er Donald Trump zur Entschuldigung aufforderte – und zugleich einräumte, dass diese wohl ausbleiben werde –, machte der deutsche Verteidigungsminister die kulturellen und politischen Unterschiede deutlich, die die transatlantischen Beziehungen weiterhin prägen.
Während die NATO vor den größten sicherheitspolitischen Herausforderungen seit Jahrzehnten steht, könnte gegenseitiger Respekt ebenso entscheidend sein wie Panzer, Verteidigungsetats und Truppenstärken. Ob Trump diese Realität anerkennt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Europa ist zunehmend bereit, seine Stimme zu erheben, wenn Respekt und historische Wahrheit auf dem Spiel stehen.