Merz’ China-Kurs begann mit der ersten offiziellen Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz nach China vom 24. bis 26. Februar 2026, weniger als ein Jahr nach seinem Amtsantritt im Mai 2025. Der Besuch findet vor einem volatilen transatlantischen Hintergrund statt, geprägt von der Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Amt und der Wiedereinführung umfassender Zölle auf europäische Exporte. Berlins Neujustierung spiegelt sowohl wirtschaftliche Notwendigkeit als auch geopolitisches Hedging wider.
Merz reiste mit einer Delegation von rund 30 Vorstandsvorsitzenden bedeutender DAX-Unternehmen, darunter Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW, Bayer, Siemens, Adidas und Commerzbank. Die Zusammensetzung der Delegation unterstrich die wirtschaftliche Priorität der Reise. Gespräche in Peking mit Präsident Xi Jinping und Premier Li Qiang wurden durch Industrie-Besuche in Hangzhou ergänzt, darunter Stationen beim Robotikunternehmen Unitree und bei Siemens-Energy-Anlagen.
Die Symbolik war bewusst gewählt. Neben hochrangigen politischen Treffen besuchte Merz hochmoderne Fertigungsstandorte und bekräftigte damit die doppelte Botschaft Deutschlands: technologische Kooperation bei gleichzeitiger wettbewerblicher Vorsicht.
Handelsabhängigkeit und strukturelles Ungleichgewicht
Das deutsche Handelsdefizit gegenüber China erreichte 2025 laut Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 90 Milliarden Euro. Das bilaterale Handelsvolumen lag 2024 bei 246 Milliarden Euro, womit China nach einem kurzen Rückgang im Zuge früherer Diversifizierungsbemühungen wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner wurde.
Chinesische Exporte nach Deutschland wuchsen insbesondere bei Elektrofahrzeugen, Batterien und Industriemaschinen stark. Deutsche Ausfuhren hingegen verlangsamten sich 2025 vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Stagnation im Inland und wachsender Konkurrenz durch Chinas eigene Hightech-Industrie. Über 5.000 deutsche Unternehmen sind derzeit in China tätig, viele mit Expansionsplänen – trotz der offiziellen De-Risking-Rhetorik Berlins.
Merz räumte diese strukturelle Abhängigkeit auf einem CDU-Parteitag in Stuttgart offen ein und betonte, dass Außenpolitik und Außenwirtschaftspolitik untrennbar miteinander verbunden seien. Diese Einordnung verdeutlicht die ökonomische Schwerkraft, die Berlins strategische Optionen prägt.
Automobilsektor unter Druck
Der Automobilsektor steht im Zentrum von Merz’ China-Kurs. Deutsche Hersteller sehen sich wachsender Konkurrenz durch chinesische Elektrofahrzeugproduzenten wie BYD ausgesetzt, deren günstigere Modelle 2025 einen spürbaren Anteil am europäischen E-Auto-Markt eroberten.
Volkswagen meldete im vergangenen Jahr deutliche Absatzrückgänge in China, was Forderungen nach beschleunigten Innovationspartnerschaften und Joint Ventures auslöste. Mercedes-Benz und BMW drängen auf klarere regulatorische Rahmenbedingungen und Zollentlastungen nach Spannungen infolge der EU-Untersuchung zu chinesischen E-Auto-Subventionen im Jahr 2024.
Deutsche Autobauer sind für ihre Profitabilität stark von chinesischen Umsätzen abhängig, stehen jedoch unter Margendruck und erleben ein rasches technologisches Aufholen chinesischer Marken. Diese doppelte Dynamik verstärkt Berlins vorsichtige Strategie: Marktzugang sichern, ohne die heimische Industrie übermäßig exponiert zu lassen.
Weiterentwicklung der De-Risking-Politik
Unter dem früheren Bundeskanzler Olaf Scholz setzte die China-Strategie 2023 auf „De-Risking“ statt Entkopplung. Ziel war es, Lieferkettenrisiken zu reduzieren, ohne Handelsbeziehungen abzubrechen. Bis 2025 wurde die Umsetzung durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verschärft, das unternehmerische Verantwortung für Menschenrechte und Transparenz in der Beschaffung ausweitete.
Merz hat De-Risking nicht aufgegeben, jedoch im Ton angepasst. Seine öffentliche Kommunikation betont Kooperation und Resilienz zugleich. Anfang 2026 äußerte er die Hoffnung auf „neue Impulse“ in den bilateralen Beziehungen – ein Signal für pragmatische Offenheit trotz struktureller Bedenken.
Diese Verschiebung steht im Kontext externer Belastungen. US-Zölle von durchschnittlich rund 20 Prozent auf bestimmte EU-Exporte im Jahr 2025 setzten die deutsche Industrie unter Druck und verstärkten das Bestreben, asiatische Handelskanäle als Absicherung gegen amerikanische Unberechenbarkeit auszubauen.
Instrumente zur Risikominimierung
Die Bundesregierung führte Ende 2025 einen China-Risikoanalyse-Rahmen ein. Dieser begrenzt staatlich abgesicherte Exportkreditgarantien für Hochrisikoprojekte und fördert zugleich Investitionen in grüne Technologien, Wasserstoff und fortgeschrittene digitale Fertigung.
Staatliche Kreditversicherer deckeln ihre Absicherung bei strategisch sensiblen Vorhaben nun bei 70 Prozent. Parallel setzt Berlin Anreize für Partnerschaften, die mit Europas Energiewende- und Digitalisierungszielen vereinbar sind.
Kritiker innerhalb der Koalition warnen jedoch, dass Exporte von Dual-Use-Technologien nach China 2025 gestiegen seien, was die sicherheitspolitische Kontrolle erschwere. Verteidigungsaudits verweisen auf wachsende Verwundbarkeit in Sektoren mit potenzieller militärischer Relevanz. Diese Spannungen verdeutlichen die Schwierigkeit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit mit strategischer Vorsicht zu vereinen.
Strategische Implikationen über den Handel hinaus
Sicherheitsdebatten begleiten Merz’ China-Kurs. Ende 2025 verfügten chinesische Technologieanbieter weiterhin über eine bedeutende Präsenz in Teilen der deutschen Telekommunikationsinfrastruktur. Obwohl Berlin die Beschaffungsprüfung verschärfte, erwies sich ein vollständiger Ausschluss als wirtschaftlich disruptiv.
Der Besuch vermied explizite Bezüge zu Taiwan oder Spannungen im Indopazifik und konzentrierte sich stattdessen auf wirtschaftliche Kooperation und einen im Dezember 2025 erneuerten Nichtverbreitungsdialog. Dieses kalkulierte Schweigen spiegelt Berlins Präferenz wider, wirtschaftliche Diplomatie von geopolitischen Konfliktfeldern zu trennen – auch wenn Kritiker bezweifeln, dass eine solche Trennung langfristig tragfähig bleibt.
Verteidigungsausgaben, darunter das Ziel, die Ausgaben schrittweise auf 2,5 Prozent des BIP zu erhöhen, sollen NATO-Partner beruhigen, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China nicht zu Lasten der sicherheitspolitischen Bindung an die Vereinigten Staaten geht.
Europäische Koordinierung
Merz’ Ansatz entfaltet sich im Rahmen einer breiteren europäischen Strategie. Die Europäische Kommission verschärfte 2025 ihre handelspolitischen Schutzinstrumente, verhängte Gegenmaßnahmen gegen subventionierten chinesischen Stahl und intensivierte die Prüfung ausländischer Direktinvestitionen in kritischen Sektoren.
Berlin stimmt sich eng mit der Handelsabteilung unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ab, insbesondere im Vorfeld von EU-Verhandlungen im März 2026. Ergebnisse der Gespräche in Peking könnten die gemeinsame Position der EU zu Zöllen, Investitionskontrollen und Industriesubventionen beeinflussen.
Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron wirbt weiterhin für europäische strategische Autonomie. Deutschlands Engagement in Peking hat daher nicht nur bilaterale, sondern auch innereuropäische Auswirkungen auf die China-Politik.
Wirtschaftsdelegation und langfristige Perspektive
Die Präsenz führender Unternehmensvertreter verstärkt die ökonomische Dimension der Reise. Siemens und Bayer streben Beschaffungssicherheit und regulatorische Klarheit an. Adidas treibt Diversifizierungsanreize in der Lieferkette voran, während die Commerzbank eine Ausweitung von Renminbi-Clearing-Operationen zur Absicherung gegen Währungsvolatilität prüft.
China signalisierte seinerseits Offenheit für eine Ausweitung der Importe deutscher Industrietechnologie im Rahmen aktualisierter Aktionspläne über 2025 hinaus. Robotik und Künstliche Intelligenz standen im Mittelpunkt von Merz’ Programm in Hangzhou und symbolisieren mögliche Konvergenzen in fortgeschrittenen Fertigungsökosystemen.
Wirtschaftsmodelle deutscher Forschungsinstitute schätzen, dass ein aggressives De-Risking kleine und mittlere Unternehmen jährlich bis zu 20 Milliarden Euro an Umstrukturierungskosten verursachen könnte. Die strategische Abwägung Berlins ist daher nicht binär, sondern graduell: konzentrierte Verwundbarkeiten reduzieren, ohne tragende Einnahmequellen zu kappen.
Merz’ China-Kurs ist letztlich ein Test dafür, ob Deutschland ein stabiles Gleichgewicht zwischen Offenheit und Absicherung institutionalisieren kann. Das Zusammenspiel von Unternehmensinteressen, sicherheitspolitischer Kontrolle und geopolitischen Spannungen wird entscheiden, ob sich Berlins Strategie zu einem nachhaltigen Modell für Europas Umgang mit Peking entwickelt. Wenn sich Handelszahlen, Technologietransfers und diplomatische Signale im Verlauf des Jahres 2026 verdichten, wird sich zeigen, wie stark wirtschaftliche Schwerkraft die strategische Ausrichtung in einer zunehmend polarisierten Weltordnung prägen kann.