Medizinzugang und PA-Rolle sind zu zentralen Themen in Deutschlands sich wandelnder Haltung gegenüber Israel und den palästinensischen Gebieten geworden. Am 23. Februar 2026 forderte der deutsche Botschafter Steffen Seibert Israel öffentlich auf, medizinische Evakuierungen aus Gaza ins Westjordanland zu erleichtern, und sprach sich zugleich für eine stärkere administrative Präsenz der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) im Gazastreifen aus.
Die Äußerungen erfolgen vor dem Hintergrund stockender Wiederaufbaubemühungen nach der Waffenruhe Ende 2025 in Gaza. Nach Angaben humanitärer Organisationen sind weiterhin mehr als 1,9 Millionen Menschen vertrieben oder leben unter prekären Bedingungen. Seibert ordnete seine Aussagen in Deutschlands langjähriges Bekenntnis zu einer verhandelten Zwei-Staaten-Lösung ein und betonte, dass humanitäre Hilfe und politische Stabilisierung Hand in Hand gehen müssten.
Berlins Ansatz spiegelt eine sorgfältig austarierte diplomatische Balance wider. Deutschland bekräftigt weiterhin Israels Recht auf Sicherheit, signalisiert jedoch zugleich, dass humanitäre Engpässe und ein Governance-Vakuum in Gaza die langfristige Stabilität gefährden.
Das humanitäre Gebot in Gaza
Die Gesundheitsinfrastruktur Gazas ist nach wiederholten Kampfhandlungen zwischen 2023 und 2025 schwer beschädigt. UN-Organisationen berichten, dass nur ein Bruchteil der Krankenhäuser teilweise funktionsfähig ist, bei gravierenden Engpässen an chirurgischem Material, Onkologie-Kapazitäten und Dialysegeräten.
Bis Januar 2026 warteten nach Schätzungen humanitärer Koordinatoren mehr als 40.000 Patienten auf Genehmigungen zur medizinischen Ausreise. Berichten zufolge gingen die israelischen Bewilligungsquoten für medizinische Ausreiseanträge 2025 im Vergleich zu Vorkriegswerten deutlich zurück, was zu einem wachsenden Rückstau dringender Fälle führte.
Seiberts Forderung nach erweitertem Zugang zu Krankenhäusern im Westjordanland zielt auf diese akute Krise. Deutschland hat seit Oktober 2025 rund 500 Millionen Euro an humanitärer Hilfe und Wiederaufbauunterstützung zugesagt, wobei ein erheblicher Teil für den Gesundheitssektor vorgesehen ist und über Strukturen der Palästinensischen Autonomiebehörde statt über Hamas-nahe Einrichtungen in Gaza abgewickelt wird.
Verknüpfung von humanitärem Zugang und Governance
Die Äußerungen des deutschen Botschafters deuten darauf hin, dass medizinischer Zugang nicht nur als Notmaßnahme verstanden wird, sondern auch als Einstieg in eine breitere Governance-Neuausrichtung. Durch die Unterstützung einer stärkeren Rolle der PA in Gaza möchte Berlin einen zivilen Verwaltungspartner etablieren, der Hilfsströme und Wiederaufbaumittel transparent steuern kann.
Seibert räumte ein, dass die Palästinensische Autonomiebehörde institutionelle Reformen benötigt, darunter eine verbesserte Haushaltskontrolle und erneuerte politische Legitimität. Präsident Mahmud Abbas ist seit 2005 ohne landesweite Wahlen im Amt, was anhaltende Zweifel an der demokratischen Repräsentation aufwirft.
Dennoch positioniert Deutschland die Autonomiebehörde als international anerkannten palästinensischen Ansprechpartner. In Seiberts Formulierung ist die PA bereit, im Rahmen verhandelter Vereinbarungen neben Israel zu koexistieren – eine Haltung, die Berlin als unverzichtbar für eine tragfähige Nachkriegsordnung betrachtet.
Sicherheitsaspekte und Reformdruck
Die deutsche Diplomatie verbindet ihre humanitären Appelle mit einer klaren Betonung von Sicherheitsgarantien. Seibert erklärte, dass eine Entwaffnung der Hamas zeitnah angegangen werden müsse, und unterstrich damit Berlins Verständnis für Israels Sorge vor einer erneuten militanten Mobilisierung.
Trotz der Waffenruhe übt die Hamas weiterhin Einfluss in Teilen des südlichen Gazastreifens aus. Seit April 2025 unterhält Israel begrenzte Sicherheitszonen im Norden Gazas und verweist dabei auf anhaltende Risiken.
Das deutsche Hilfspaket von 2025 umfasste auch rund 200 Millionen Euro für die Ausbildung des palästinensischen Sicherheitssektors unter PA-Ägide. Ziel ist es, professionalisierte Kräfte aufzubauen, die bei entsprechenden politischen Voraussetzungen Verwaltungs- und Polizeiaufgaben übernehmen können.
Spannungen im Westjordanland und Siedlungsausbau
Berlins Einsatz für Medizinzugang und PA-Rolle in Gaza geht einher mit einer zurückhaltenden Kritik an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland. Deutsche Vertreter verwiesen Anfang 2026 auf Einschätzungen, wonach jüngste Siedlungserweiterungen völkerrechtlichen Verpflichtungen widersprechen.
Die Gewalt im Westjordanland nahm 2025 zu; Hunderte Palästinenser kamen bei Auseinandersetzungen mit Siedlern und israelischen Sicherheitskräften ums Leben. Deutschland äußerte seine Bedenken auf diplomatischem Wege, hielt jedoch an seiner strategischen Partnerschaft mit Israel fest, einschließlich etwa drei Milliarden Euro jährlich an militärischer Zusammenarbeit und Rüstungsexporten.
Diese Doppelstrategie verdeutlicht Berlins Bemühen, sowohl gegenüber israelischen Behörden als auch gegenüber europäischen Partnern, die strengere Konditionalität fordern, glaubwürdig zu bleiben.
Deutschlands außenpolitische Grundlinien
Deutschlands Politik ist von seiner historischen Verpflichtung zur Sicherheit Israels geprägt, die häufig als Teil der Staatsräson beschrieben wird. Gleichzeitig agiert Berlin im Rahmen der Europäischen Union, die die Einhaltung des humanitären Völkerrechts betont.
Unter der seit Mai 2025 amtierenden Koalition von Bundeskanzler Friedrich Merz ist die Außenpolitik stärker auf pragmatisches Bündnismanagement ausgerichtet. Deutsche Vertreter stimmen sich eng mit Washington ab, wo die US-Politik unter Präsident Donald Trump weiterhin die Zerschlagung der Hamas und regionale Normalisierungsabkommen priorisiert.
Deutschlands Betonung von Reformen der Palästinensischen Autonomiebehörde steht im Einklang mit amerikanischen Kapazitätsaufbau-Initiativen, für die 2025 zusätzliche Mittel zur Förderung von Transparenz und Korruptionsbekämpfung bereitgestellt wurden.
Europäische Koordinierung und Finanzierungsmechanismen
Innerhalb der Europäischen Union übernimmt Deutschland eine führende Rolle bei der Koordinierung humanitärer Zugangsprotokolle und Wiederaufbauzusagen. Auf einer Geberkonferenz im Dezember 2025 wurden 18 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau Gazas zugesagt, von denen bis Anfang 2026 jedoch nur ein Bruchteil ausgezahlt wurde – unter anderem aufgrund von Kontrollbedenken und politischer Unsicherheit.
Berlin befürwortet die Verknüpfung von Wiederaufbaumitteln mit überprüfbaren Aufsichtsmechanismen der PA. Dieser konditionale Ansatz soll israelischen Behörden versichern, dass Hilfsgelder nicht an militante Akteure umgeleitet werden, und zugleich den Palästinensern einen strukturierten Weg zur institutionellen Stabilisierung eröffnen.
Auch innenpolitische Erwägungen prägen Berlins Tonfall. Umfragen Ende 2025 zeigten eine mehrheitliche Unterstützung für humanitäre Hilfe für Gaza, während direkte Kontakte zu Hamas-nahen Strukturen skeptisch gesehen werden. Die Fokussierung auf die Palästinensische Autonomiebehörde spiegelt diesen Balanceakt wider.
Wiederaufbau und langfristige Perspektiven
Der Wiederaufbau Gazas verläuft schleppend, behindert durch zerstörte Infrastruktur, eingeschränkten Grenzzugang und ungeklärte Governance-Fragen. Anfang 2026 war nur ein kleiner Teil der zugesagten Mittel tatsächlich geflossen, wodurch zentrale Wohnungs- und Versorgungsprojekte ins Stocken geraten sind.
Deutschland betrachtet Medizinzugang und PA-Rolle als möglichen Einstiegspunkt, um Vertrauen zwischen den Akteuren wiederherzustellen. Die Erleichterung von Patiententransfers könnte als vertrauensbildende Maßnahme dienen und zeigen, dass begrenzte humanitäre Kooperation auch bei ungelösten politischen Differenzen möglich ist.
Israelische Vertreter signalisierten Offenheit für technokratische Verwaltungsmodelle in Gaza, bleiben jedoch zurückhaltend gegenüber einer umfassenden PA-Entsendung ohne belastbare Sicherheitsgarantien. Deutschlands Reformforderung soll die Autonomiebehörde zu einem glaubwürdigeren Partner in solchen Gesprächen machen.
Diplomatische Pfade und regionale Stabilität
Versuche, umfassendere Verhandlungen wiederzubeleben, sind seit gescheiterten Initiativen im Jahr 2025, die Elemente des Oslo-Rahmens reaktivieren sollten, ins Stocken geraten. Deutschlands schrittweiser Ansatz setzt auf konkrete Maßnahmen statt auf große diplomatische Durchbrüche.
Indem Berlin humanitäre Korridore mit Governance-Reformen verknüpft, prüft es, ob praktische Kooperation schrittweise Misstrauen abbauen kann. Die Strategie löst zentrale Statusfragen – etwa Grenzen, Siedlungen oder endgültige Souveränität – nicht, versucht jedoch, operativen Spielraum für Dialog zu schaffen.
Während Deutschland diese sensiblen Felder weiter auslotet, wird das Zusammenspiel von medizinischen Lebensadern und politischer Legitimität die Wahrnehmung seiner diplomatischen Wirksamkeit prägen. Ob erweiterter Evakuierungszugang eine breitere institutionelle Stabilisierung anstoßen kann, bleibt offen. Die Betonung von Medizinzugang und PA-Rolle signalisiert jedoch Berlins Überzeugung, dass humanitäre Öffnungen zu den wenigen tragfähigen Ansätzen gehören könnten, um in einer tief polarisierten Landschaft wieder belastbare Kommunikationskanäle aufzubauen.