Die Veröffentlichung der neuen US National Security Strategy (NSS) am 4. Dezember 2025 markiert einen deutlichen Bruch mit langjährigen transatlantischen Grundlinien. In dem 30-seitigen Dokument werden Europa lediglich 2,5 Seiten gewidmet und dies in einem Rahmen, der ein mögliches „zivilisatorisches Verschwinden“ innerhalb von zwei Jahrzehnten prognostiziert. Europa erscheint nicht mehr als unverzichtbarer Pfeiler westlicher Sicherheit, sondern als ein Raum interner Instabilität, geprägt durch Migration, demografischen Wandel, Zensur und regulatorische Überlastung. Diese Neugewichtung zeigt eine klare Priorisierung der westlichen Hemisphäre und wird von Beobachtern als modernisierte Erweiterung der Monroe-Doktrin verstanden.
Die positive Bezugnahme auf „patriotische Parteien“, die sich gegen weitere EU-Integration stellen, sowie die Kritik an Deutschlands wirtschaftlichen Beziehungen zu China und der früheren Abhängigkeit von russischem Gas verstärken die Wahrnehmung, dass Washington sich von partnerschaftlicher Zusammenarbeit hin zu konditionierter Ausrichtung bewegt. Der deutliche Kontrast zur NSS von 2022, die Europa noch als „unverzichtbar“ bezeichnete, unterstreicht, wie sehr die geopolitische Lage 2025 die US-Strategie verändert hat.
Auswirkungen auf die europäische strategische Autonomie
Für Deutschland wirft die neue Strategie grundlegende Fragen zu den Erwartungen Washingtons an die europäische Sicherheitsarchitektur und die Lastenteilung innerhalb der NATO auf. Da die USA ihr Augenmerk zunehmend verlagern, rechnen europäische Hauptstädte mit wachsendem Druck, geringere US-Engagements – insbesondere im Ukraine-Konflikt – durch eigene Anstrengungen zu kompensieren.
Ein strategischer Schwenk hin zu US-russischer Stabilität
Besondere Besorgnis löst die Priorisierung stabiler US-russischer Beziehungen aus, auch wenn dies zu Lasten langfristiger Verpflichtungen in Europa geht. Expertinnen und Experten warnen, dieser Ansatz könne die Abschreckungsfähigkeit an der Ostflanke der NATO schwächen und Russland Anreize bieten, politische Spannungen in Europa auszunutzen.
Deutschlands offizielle Reaktion setzt klare Grenzen
Berlin reagierte sofort und eindeutig. Am 5. Dezember 2025 erklärte Außenminister Johann Wadephul, dass Deutschland „keine Ratschläge von außen“ zu gesellschaftlichen Debatten, Meinungsfreiheit oder politischer Kultur benötige. Diese deutliche Zurückweisung richtet sich klar gegen die zivilisatorische Rhetorik der NSS und deren implizite Unterstützung nationalistischer Kräfte.
Verteidigungsminister Michael Hardt bekräftigte, Deutschland werde externe Versuche – ob aus den USA oder China – zurückweisen, die auf Einflussnahme in die innenpolitische Landschaft abzielen. Sein Hinweis auf „externe Pferde“ steht im Kontext wachsender Irritation über die offene US-Annäherung an AfD-Vertreter*innen, insbesondere den vielbeachteten Besuch eines AfD-Politikers im Weißen Haus im September 2025.
Militärische Investitionen als strategische Gegenakzente
Berlin hob seine umfassende militärische Expansion hervor, darunter ein geplanter Truppenaufwuchs um fast 50 Prozent sowie die Unterstützung für den neuen EU-Verteidigungskommissar, der eine beschleunigte europäische Rüstungskooperation vorantreibt. Diese Schritte dienen als praktischer Gegenbeweis zu US-Vorwürfen europäischer Unzuverlässigkeit.
Europaweite Besorgnis und wachsende strategische Unsicherheit
Deutschlands Kritik fand europaweit Widerhall. Viele sehen in der NSS ein Signal, dass sich die amerikanische Vorstellung von Europas Rolle grundlegend wandelt. Nathalie Tocci sprach davon, dass Europa in der US-Strategie „nicht mehr vorkommt“, während Foreign Policy warnte, eine stärker auf US-russische Stabilität ausgerichtete Politik könne Europa durch selektive Partnerschaften und die Unterstützung rechter Parteien spalten.
Le Monde bezeichnete die NSS als historischen Bruch, der in seiner Kombination aus Nachlässigkeit gegenüber Rivalen und Geringschätzung gegenüber Verbündeten seit 1945 beispiellos sei. Das Wall Street Journal sprach gar von einer strategischen Umkehr, die Europa statt Russland als Hauptquelle der Instabilität darstellt.
NATO-Verpflichtungen rücken stärker in den Fokus
Die Debatte fällt nur wenige Wochen nach dem Haager Gipfel, bei dem sich NATO-Staaten auf ein Ziel von 5 Prozent des BIP für Verteidigungsausgaben bis 2035 einigten. Diese Zusage zeigt Europas Bemühungen, sich an ein zunehmend unberechenbares US-Engagement anzupassen.
Strukturelle Verschiebungen in den US-Europa-Beziehungen
Die Abwendung der USA von Europa spiegelt eine wachsende Kluft zwischen innenpolitischen Strömungen in Washington und traditionellen außenpolitischen Ansätzen wider. Die Priorisierung der westlichen Hemisphäre deutet auf eine langfristige Neuausrichtung hin, die die operative und diplomatische Präsenz der USA in Europa mindern könnte.
Lastenteilung und neue strategische Erwartungen
Indem die NSS Europa als wirtschaftlich stagnierend und identitär verunsichert beschreibt, wird deutlich, dass die EU künftig eine deutlich größere Verantwortung für regionale Sicherheit tragen soll. Zwar bleiben amerikanische nukleare Schutzgarantien bestehen, doch steigen die Erwartungen an eine europäische Selbstständigkeit.
Unterstützung nationalistischer Kräfte als geopolitisches Risiko
Die explizite Aufwertung nationalkonservativer Parteien durch die USA verstärkt europäische Sorgen über externe Einflussnahme in innere politische Debatten. Analysen verweisen auf Parallelen zu russischen Taktiken, die auf eine Polarisierung Europas abzielen. Deutschland sieht hierin einen Verrat an der Gründungslogik der NATO, die auf gemeinsamen demokratischen Werten beruht.
Politische Entwicklungen 2025 verschärfen die Spannungen
Die NSS kristallisiert Spannungen, die seit der US-Wahl 2025 gewachsen sind. Der Austausch zwischen der US-Regierung und AfD-Figuren sowie die Uneinigkeit bei der Unterstützung der Ukraine hatten bereits zuvor für Unruhe in der EU gesorgt. Deutschlands beschleunigte Anstrengungen, höhere NATO-Verteidigungsziele zu erreichen, wurden in der NSS dennoch als unzureichend dargestellt, solange keine ideologische Übereinstimmung bestehe.
Reuters berichtete Anfang Dezember, dass der Begriff der „Auslöschung“ innerhalb der NSS als Rückfall in Isolationismus verstanden werden könnte, mit erheblichen Konsequenzen für jahrzehntelange Kooperation in Migrations-, Sozial- und Demokratiepolitik.
Implikationen für die transatlantische Sicherheitsarchitektur
Die diplomatischen Spannungen spiegeln die Umbrüche innerhalb der NATO wider. Deutschlands Haltung zeigt den Willen, sicherheitspolitische Verpflichtungen einzuhalten, sich aber zugleich nicht in innenpolitische Debatten hineinreden zu lassen. Diese Balance wird schwieriger, je stärker die USA Europa als strategisch zweitrangig einordnen.
Risiko einer fragmentierten NATO
Sollte Washington nationalistische Kräfte weiterhin gezielt unterstützen und die Bedeutung Europas herabstufen, drohen innere Spannungen innerhalb des Bündnisses. Insbesondere osteuropäische Staaten, die stark auf US-Sicherheitsgarantien angewiesen sind, könnten zwischen einer US-Neuausrichtung und westeuropäischen Bestrebungen nach Autonomie geraten.
Europas strategische Zukunft steht auf dem Prüfstand
Deutschlands deutliche Kritik an der NSS ist zu einem zentralen Orientierungspunkt geworden, um die Zukunft der NATO und die Richtung der transatlantischen Beziehungen 2026 zu bewerten. Die Reaktion zeigt die Bereitschaft Europas, Grundannahmen über die Verlässlichkeit der USA neu zu hinterfragen. Wie Deutschland seine Rolle innerhalb von EU und NATO gestaltet, könnte darüber entscheiden, ob das transatlantische Bündnis sich den neuen geopolitischen Realitäten anpasst oder in Phasen der Fragmentierung eintritt.