Eine neue wirtschaftliche Studie zeigt, dass Deutschlands Schattenwirtschaft – also nicht deklarierte Arbeit und informelle wirtschaftliche Aktivitäten – auf den höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt angewachsen ist, während deutsche Regierungsvertreter gleichzeitig ein wegweisendes Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien feiern. Das Abkommen könnte die wirtschaftlichen Beziehungen zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt grundlegend verändern.
Dieser Kontrast verdeutlicht die widersprüchliche Lage der deutschen Wirtschaft: Während im Inland strukturelle Schwächen zunehmen, setzt Berlin außenpolitisch auf neue Handelsinitiativen und strategische Partnerschaften.
Schattenwirtschaft wächst auf über 500 Milliarden Euro
Nach den jüngsten Schätzungen von Wirtschaftsforschern und Finanzwissenschaftlern ist die deutsche Schattenwirtschaft im Jahr 2025 auf rund 510 Milliarden Euro angewachsen – das entspricht etwa 11,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit erreicht sie den höchsten Anteil seit mindestens 2014 und stellt eine zunehmende Herausforderung für Europas größte Volkswirtschaft dar.
Zur Schattenwirtschaft zählen unter anderem nicht angemeldete Beschäftigung, informelle Dienstleistungen, Bararbeit sowie illegale wirtschaftliche Tätigkeiten, die sich der Besteuerung und staatlichen Regulierung entziehen. In Deutschland wird dies häufig unter dem Begriff „Schwarzarbeit“ zusammengefasst.
Experten gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Für 2026 wird ein weiteres Wachstum auf bis zu 538 Milliarden Euro erwartet, da sich informelle Beschäftigung ausweitet und strukturelle wirtschaftliche Belastungen – etwa schwaches Wachstum und Unsicherheiten am Arbeitsmarkt – anhalten.
Warum wächst die Schattenwirtschaft?
Mehrere miteinander verknüpfte Faktoren erklären den Anstieg:
- Schwaches Wirtschaftswachstum: Nach Jahren der Stagnation und zeitweisen Rezession fällt es Deutschland schwer, wieder nachhaltig zu wachsen. Geringe Dynamik bei der offiziellen Beschäftigung kann Arbeitnehmer und Arbeitgeber in informelle Arrangements drängen.
- Druck auf den Arbeitsmarkt: Unsichere Einkommensperspektiven und steigende Lebenshaltungskosten veranlassen viele Menschen, zusätzliche Einnahmen außerhalb des regulären Systems zu suchen.
- Regulatorische Anreize: Anpassungen beim Mindestlohn, bei Sozialabgaben und geringfügiger Beschäftigung können unbeabsichtigt Anreize schaffen, Tätigkeiten nicht offiziell anzumelden.
Obwohl der Anteil der Schattenwirtschaft in Deutschland niedriger ist als in manchen anderen Industrienationen, fällt das Wachstum deutlich stärker aus als im Durchschnitt vergleichbarer Länder. Das hat erhebliche politische Folgen: Dem Staat entgehen Steuereinnahmen, rechtstreue Unternehmen werden benachteiligt, und Reformen des Sozial- und Arbeitsmarkts werden erschwert.
Strukturelle Belastungen der deutschen Wirtschaft
Der Anstieg der Schattenwirtschaft spiegelt tiefere strukturelle Probleme wider. Deutschland kämpft mit einer alternden Bevölkerung, hoher Bürokratie, steigenden Energiekosten und einer starken Abhängigkeit vom Export. Gleichzeitig belasten Investitionszurückhaltung und internationale Unsicherheiten das Wirtschaftsklima.
Ohne gezielte Gegenmaßnahmen – etwa Anreize zur Legalisierung von Arbeit, Entlastungen für kleine und mittlere Unternehmen sowie flexiblere Arbeitsmarktmodelle – warnen Ökonomen davor, dass sich der informelle Sektor weiter ausdehnen könnte.
Strategischer Gegenpol: Das EU-Indien-Freihandelsabkommen
Parallel zu diesen innenpolitischen Herausforderungen begrüßt die deutsche Regierung den Abschluss eines umfassenden Handelsabkommens zwischen der EU und Indien, das nach fast 20 Jahren Verhandlungen zustande kam. Das Abkommen gilt als eines der ambitioniertesten der EU-Handelspolitik.
Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil bezeichnete das Abkommen als wichtigen Wachstumsmotor, der neue Arbeitsplätze schaffen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der größten Demokratie der Welt vertiefen könne.
Auch Vertreter der deutschen Industrie äußerten sich positiv. Vor allem die Automobil- und Maschinenbaubranche sieht große Chancen. Führungskräfte von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz betonten, dass der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen deutschen Unternehmen den Zugang zum indischen Markt erheblich erleichtern werde.
Was das Abkommen für Deutschland bedeutet
Studien des Kiel Instituts für Weltwirtschaft gehen davon aus, dass EU-Exporte nach Indien um bis zu 65 Prozent steigen könnten, während indische Exporte in die EU um etwa 41 Prozent zunehmen würden. Beide Seiten würden von deutlichen Einkommensgewinnen profitieren.
Das Abkommen sieht den Abbau von Zöllen auf den Großteil der Waren vor und verbessert den Marktzugang für europäische Maschinen, Fahrzeuge, Chemieprodukte und Pharmazeutika. Auch der Dienstleistungssektor – insbesondere IT-Dienstleistungen – dürfte profitieren.
Für Deutschland eröffnet sich damit die Chance, seine Exportmärkte zu diversifizieren und die Abhängigkeit von stagnierenden oder geopolitisch unsicheren Absatzmärkten zu verringern. Indien mit seiner wachsenden Mittelschicht und dynamischen Wirtschaft gilt als zentraler Zukunftsmarkt.
Geopolitische und strategische Dimension
Über den Handel hinaus hat das Abkommen auch geopolitische Bedeutung. In einer Zeit zunehmender globaler Handelskonflikte und fragmentierter Lieferketten suchen Deutschland und die EU nach verlässlichen Partnern. Indien bietet sich als strategischer Gegenpol an – sowohl wirtschaftlich als auch politisch.
Zudem passt das Abkommen in Deutschlands Bestrebungen, Lieferketten resilienter zu gestalten, etwa bei Industriekomponenten, Technologie und Zukunftsindustrien. Kooperationen in den Bereichen Digitalisierung, grüne Technologien und Mobilität könnten langfristig an Bedeutung gewinnen.
Außenhandel versus Binnenprobleme
Der gleichzeitige Anstieg der Schattenwirtschaft und der Abschluss eines bedeutenden Handelsabkommens verdeutlichen eine zentrale Spannung in der deutschen Wirtschaftspolitik.
Einerseits eröffnen internationale Abkommen neue Wachstumschancen und stärken Deutschlands Rolle im globalen Handel. Andererseits untergraben ungelöste Binnenprobleme – wie informelle Arbeit und strukturelle Schwächen – die finanzielle und soziale Stabilität des Landes.
Um die Vorteile externer Handelsinitiativen voll auszuschöpfen, muss Deutschland auch seine internen Herausforderungen angehen: Bürokratie abbauen, legale Beschäftigung attraktiver machen und Investitionen in Innovation und Produktivität fördern.
Dass die deutsche Schattenwirtschaft ein Zehnjahreshoch erreicht hat, zeigt deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein an Exportzahlen oder internationalen Abkommen gemessen werden kann. Hinter positiven Außenhandelsnachrichten verbergen sich tiefgreifende strukturelle Probleme im Inland.
Das EU-Indien-Freihandelsabkommen bietet Deutschland große Chancen für Wachstum, Diversifizierung und strategische Partnerschaften. Ob diese Chancen jedoch nachhaltig genutzt werden können, hängt davon ab, ob es der Bundesregierung gelingt, die formelle Wirtschaft zu stärken und die Ursachen der Schattenwirtschaft wirksam zu bekämpfen.
In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob Deutschland diesen Balanceakt zwischen globaler Öffnung und innerer Reform erfolgreich meistert – oder ob strukturelle Schwächen weiterhin das wirtschaftliche Potenzial des Landes begrenzen.