Deutschlands Kanzler Friedrich Merz hat eine politisch hochbrisante, dreitägige diplomatische Mission in die Golfregion – mit Stationen in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten – angetreten. Diese Reise signalisiert eine bedeutende Verschiebung in Berlins außen- und wirtschaftspolitischen Prioritäten angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen. Im Mittelpunkt stehen Energiepolitik, Rüstungskooperation und geopolitische Diplomatie, eingebettet in Deutschlands Bemühungen, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und China in strategisch wichtigen Bereichen zu reduzieren.
Merz’ Reise – seine erste in den Golfstaaten seit Amtsantritt – beginnt in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, bevor sie nach Doha und Abu Dhabi führt. Kanzler und eine große deutsche Delegation senden eine klare Botschaft: Traditionelle Allianzen bleiben wichtig, doch Berlin sucht neue strategische Partnerschaften, die den sich verändernden globalen Machtverhältnissen Rechnung tragen.
Neudefinition strategischer Partnerschaften jenseits des Westens
Als Kanzler Merz seine Reisepläne ankündigte, stellte er sie als Teil einer umfassenderen deutschen Strategie dar: ein globales Netzwerk strategischer Partner jenseits traditioneller westlicher Allianzen aufzubauen. Er betonte, dass Deutschland in einer zunehmend von Großmächten geprägten politischen Welt agieren müsse, in der die Abhängigkeit von wenigen Schlüsselländern – insbesondere den USA – die Handlungsfreiheit einschränkt und die nationalen Interessen gefährden kann.
In seinen Presseäußerungen stellte Merz klar, dass Deutschlands neue Partner nicht notwendigerweise dieselben Werte teilen, aber in einem regelbasierten globalen System übereinstimmen, das auf gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen basiert – eine Formulierung, die sowohl Pragmatismus als auch diplomatische Realpolitik unterstreicht.
Diese Diversifizierungsstrategie resultiert aus den Erfahrungen der letzten Jahre, insbesondere nach Russlands Invasion in der Ukraine 2022, die Deutschland zwang, seine Energie- und Sicherheitsstrategie grundlegend zu überdenken. Die Unterbrechung russischer Gaslieferungen trieb Berlin dazu, alternative Energiequellen zu erschließen, darunter Flüssigerdgas (LNG) aus Katar, eine Partnerschaft, die in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist.
Energiediplomatie: Versorgung sichern und US-Abhängigkeit reduzieren
Energie ist das zentrale Thema der Reise. Deutschlands Energiesituation wurde durch Russlands Invasion in der Ukraine massiv destabilisiert, da die Gasversorgung aus Russland stark eingeschränkt wurde. Dies verdeutlichte Europas Anfälligkeit für Versorgungsausfälle. Deutschland wandte sich schnell an die Golfstaaten, insbesondere Katar, um die LNG-Versorgung zu sichern.
Merz will diese Bemühungen nun ausweiten. Die deutsche Regierung verhandelt Langfristpartnerschaften in der Energieversorgung mit Saudi-Arabien, Katar und den VAE, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen LNG-Exporten zu verringern. Während US-Lieferungen teilweise die europäische Nachfrage deckten, besteht in Berlin ein wachsendes Unbehagen über die Abhängigkeit von amerikanischen Exporten angesichts geopolitischer Spannungen und unvorhersehbarer Entscheidungen in Washington.
Ein ranghoher deutscher Beamter erklärte vor der Reise, dass das Ziel sei, internationale Handels- und Investitionsbeziehungen zu stärken, Lieferketten zu diversifizieren – insbesondere im Energiesektor – und Golf-Kapital sowie Ressourcen für Deutschlands Übergang zu saubereren Energieformen wie grünem Wasserstoff zu nutzen.
Für Deutschland ist der Golf längst mehr als ein Ölexporteur. Saudi-Arabien, Katar und die VAE konzentrieren sich zunehmend auf Erneuerbare Energien, Wasserstoffprojekte, Tourismus, Technologie und Logistik – Bereiche, in denen deutsche Ingenieurskunst und Innovation auf fruchtbaren Boden treffen könnten.
Rüstungskooperation und Exportpolitik
Neben der Energie rückt Merz’ Reise auch Rüstungskooperation und Verteidigung in den Vordergrund. Deutschland hat traditionell strikte Kontrollen für Waffenexporte, insbesondere in Länder mit problematischen Menschenrechtslagen oder in Konflikten, beibehalten. Doch Berlin signalisiert nun eine flexiblere Haltung.
Begleitende Beamte erklärten, dass Berlin auf tiefere Kooperationen in Rüstung und Verteidigungstechnologie abzielt, als pragmatischer Ansatz, um wirtschaftliche Interessen mit strategischer Ausrichtung zu verbinden. Dies könnte Verteidigungsverkäufe oder gemeinsame Projekte umfassen, die die deutsche Industrie stärken und den Golfstaaten Zugang zu fortschrittlicher Technologie ermöglichen.
Diese Anpassung erfolgt im Kontext der globalen Machtverschiebungen. Mit Chinas wachsendem Einfluss und wechselnden US-Verteidigungsprioritäten überdenkt Berlin seine Rüstungsexportpolitik und sucht nach einem Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Chance und ethischen Kriterien. Merz betonte jedoch, dass Menschenrechtsfragen weiterhin ein Bestandteil der bilateralen Gespräche bleiben.
Diplomatie zu regionaler Sicherheit und globalen Themen
Über wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen hinaus prägt geopolitische Diplomatie Merz’ Golf-Tour. In Riad, Doha und Abu Dhabi werden einige der drängendsten Sicherheitsfragen des Nahen Ostens angesprochen – von Irans Nuklearprogramm bis hin zu regionalen Konfliktdynamiken.
Merz forderte explizit, dass Iran sein militärisches Atomprogramm stoppt, die Unterstützung von Stellvertretergruppen einstellt und die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung beendet – ein Hinweis auf Berlins Sorge über die destabilisierende Wirkung Teherans in der Region.
Deutschland strebt zudem die Förderung regionaler Stabilität und Zusammenarbeit an. Merz erklärte, dass die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zu einem sichereren Nahen Osten beitragen könnte – eine Initiative, die den europäischen Interessen an Konfliktlösung und wirtschaftlicher Integration entspricht.
Abwägung von Werten und Interessen
Während wirtschaftliche und strategische Ziele im Vordergrund stehen, werden Werte und Menschenrechtsfragen nicht ignoriert. Merz räumte ein, dass Partner in Riad und darüber hinaus Deutschlands demokratische Ideale nicht vollständig teilen, betonte jedoch, dass respektvoller Dialog und wirtschaftliche Interessen gleichzeitig verfolgt werden können, selbst bei kritischer Ansprache menschenrechtlicher Themen.
Dieser differenzierte Ansatz spiegelt das delikate Gleichgewicht wider, das Deutschland wahren muss: Kernwerte bewahren und gleichzeitig pragmatisch mit mächtigen, wenn auch unvollkommenen, globalen Partnern interagieren. Deutschlands enge wirtschaftliche Beziehungen zu Katar – das Beteiligungen an großen deutschen Unternehmen wie Volkswagen und Energiefirmen hält – zeigen, wie eng wirtschaftliche Interessen mit geopolitischen Prioritäten verwoben sind.
Eine neue Achse globaler Partnerschaften
Merz’ Golf-Tour ist Teil einer größeren Strategie globaler Verbindungen. Sie folgt auf Besuche in Indien, Brasilien und Südafrika, was Berlins Wunsch unterstreicht, ein diversifiziertes Netzwerk von Partnerschaften aufzubauen, das Deutschlands wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in einer unsicherer werdenden Welt stützt.
Indem Deutschland über traditionelle westliche Allianzen hinausblickt und Beziehungen in den Golfstaaten pflegt, hofft es, geopolitische Autonomie zu stärken – besonders in Energie- und Verteidigungsfragen – und gleichzeitig Stabilität sowie wirtschaftliches Wachstum über Kontinente hinweg zu fördern.
Ob diese Strategie Deutschlands globale Rolle nachhaltig neu definiert, bleibt abzuwarten. Merz’ diplomatischer Vorstoß – der Energie, Rüstung und Diplomatie verbindet – markiert jedoch einen klaren Kurswechsel: Deutschland sucht ein Gleichgewicht zwischen Werten, Interessen und strategischer Unabhängigkeit in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Welt.