In einer bedeutenden diplomatischen Verschiebung für Europas politische Landschaft haben der deutsche Kanzler Friedrich Merz und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine Reihe von Abkommen unterzeichnet, die die Zusammenarbeit in den Bereichen Verteidigung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und strategische Autonomie stärken sollen. Der zwischenstaatliche Gipfel, der am 23. Januar 2026 in Rom stattfand, unterstrich eine erneuerte Berlin–Rom-Achse innerhalb der Europäischen Union und signalisierte die Absicht beider Regierungen, gemeinsam Herausforderungen von Sicherheitsbedrohungen über industrielle Schwächen bis hin zu Lieferkettenrisiken und geopolitischem Wettbewerb anzugehen.
Strategischer Hintergrund: Warum gerade jetzt?
Der Zeitpunkt des Gipfels und des Paketabkommens spiegelt die größeren Veränderungen in der europäischen Politik und den globalen Machtverhältnissen wider. Beide Führungspersönlichkeiten äußerten Bedenken, dass der bestehende regulatorische Rahmen und die strategische Ausrichtung der EU — insbesondere in den Bereichen Verteidigung und Industriepolitik — hinter den schnellen geopolitischen Entwicklungen zurückgeblieben seien, darunter Russlands anhaltender Krieg gegen die Ukraine, der wachsende Wettbewerb mit China und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Merz und Meloni, die zwei der größten Volkswirtschaften der EU repräsentieren, scheinen entschlossen, Europa als wettbewerbsfähigen und strategisch autonomen Akteur neu zu positionieren.
Historisch gesehen wurde die deutsch-französische Zusammenarbeit oft als „Motor“ der europäischen Integration und Politikgestaltung betrachtet. Jüngste Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und Paris über Handel, Verteidigungsbeschaffungen und EU-Industriepolitik haben jedoch Raum für eine aktivere deutsch-italienische Partnerschaft geschaffen. Beobachter werten den Römischen Gipfel als Neuausrichtung der inneren EU-Allianzen, bei der Berlin und Rom gemeinsame Positionen in strategischen Schlüsselbereichen suchen.
Kernabkommen: Verteidigung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und darüber hinaus
Der Gipfel endete mit der Unterzeichnung mehrerer bilateraler Abkommen und Absichtserklärungen, die einen umfassenden Aktionsplan für die Zusammenarbeit bilden:
1. Zusammenarbeit in Verteidigung und Sicherheit
Eines der zentralen Ergebnisse des Gipfels war ein Verteidigungskooperationsabkommen, das die gemeinsame Arbeit an militärischer Einsatzbereitschaft und strategischer Abschreckung verbessern soll. Das Abkommen ist zwar nicht rechtlich bindend, verpflichtet aber beide Staaten zu engerer Koordination in Sicherheits– und Verteidigungsfragen, einschließlich der Stärkung der europäischen Säule der NATO und der Erhöhung der Resilienz gegenüber externen Bedrohungen.
Die Zusammenarbeit umfasst insbesondere:
- Gemeinsame militärische Übungen und Planungen.
- Koordinierte Beiträge zu europäischen und NATO-Verteidigungsinitiativen.
- Gemeinsame Entwicklung von Verteidigungstechnologien — wie Luft- und Raketenabwehrsysteme, Drohnen, elektronische Kriegführung und Marineplattformen.
Dieses Abkommen spiegelt die gemeinsamen Bedenken über Europas strategisches Umfeld wider, insbesondere angesichts von Russlands Krieg in der Ukraine und den breiteren transatlantischen Sicherheitsdebatten. Meloni betonte zwar, dass die Abkommen nicht als Reaktion auf US-Politik zu sehen seien, hob aber die Bedeutung einer pragmatischen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten neben der Stärkung europäischer Fähigkeiten hervor.
2. Wirtschaftliche und industrielle Konvergenz
Wirtschaftlich zielen die Abkommen darauf ab, die strukturellen Schwächen der europäischen Industrie zu beheben. Eine pro-industrielle Allianz wurde vorgestellt, inklusive eines 19-Punkte-Aktionsplans, der Folgendes umfasst:
- Abbau regulatorischer Hürden, die als Hemmnis für die europäische Wettbewerbsfähigkeit gelten.
- Stärkung von Energie- und Verteidigungs‑Lieferketten.
- Sicherung des Zugangs zu kritischen Rohstoffen, die für zukünftige Technologien entscheidend sind.
Besonders betont wurde die Notwendigkeit gemeinsamer wirtschaftlicher Initiativen innerhalb der EU, vor allem bei der Förderung einer stärkeren Integration des Binnenmarktes, effizienterer Dienstleistungen und Handelsabkommen mit Partnern außerhalb Europas. Diese Schritte sollen Europas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und globalen Märkten sichern.
Die Sicherung kritischer Rohstoffe — von Silizium für Chips bis zu Mineralien für Batterien und erneuerbare Energien — wurde als Priorität hervorgehoben, wobei Berlin und Rom eine Strategie zur Reduzierung der Abhängigkeit von externen Akteuren und volatilen Lieferketten gemeinsam verfolgen.
3. Innovation, Forschung und strategische Sektoren
Über Verteidigung und traditionelle Wirtschaftspolitik hinaus wurden Abkommen zur Förderung von Innovation und technologischer Zusammenarbeit getroffen. Eine Absichtserklärung zu F&E fördert die stärkere Zusammenarbeit zwischen italienischen Start-ups und Forschungseinrichtungen mit deutschen Industriepartnern. Die Initiative zielt darauf ab:
- den Austausch in Hochtechnologiesektoren und Innovationsökosystemen zu fördern,
- den Zugang zu gemeinsamen Förderprogrammen zu verbessern,
- die Umsetzung von Forschungsergebnissen in kommerzielle und industrielle Anwendungen zu beschleunigen.
Dieses Bestreben nach wirtschaftlicher Modernisierung passt zur Strategie beider Länder, Europas Wettbewerbsfähigkeit in aufstrebenden Industrien wie digitale Technologien und High-Tech-Produktion zu sichern.
4. Weitere strategische Ziele: Energie, Migration und globale Rolle
Obwohl die Schlagzeilen sich auf Verteidigung und Wirtschaft konzentrierten, berühren die Abkommen auch andere strategische Bereiche wie Energie und Migration. Gemeinsame Initiativen umfassen Zusammenarbeit bei Gas- und Wasserstoffprojekten zwischen Italien, Deutschland und Nordafrika sowie koordinierte Positionen in der Handelspolitik.
Im Migrationsbereich signalisierten beide Regierungen gemeinsame Prioritäten bei Grenzschutz, rechtlichen Rahmenbedingungen und Kooperation mit Herkunfts- und Transitländern — im Einklang mit den EU-Bemühungen, irreguläre Migration zu steuern und gleichzeitig rechtliche Verpflichtungen einzuhalten.
Implikationen für die EU und die globale Politik
Der deutsch-italienische Gipfel markiert mehr als ein weiteres bilaterales Treffen: er signalisiert eine größere Verschiebung im europäischen strategischen Denken. Analysten weisen auf mehrere zentrale Implikationen hin:
1. Neue Achse in der EU-Politikgestaltung
Die verstärkte Berlin–Rom-Partnerschaft könnte das innere Gleichgewicht der EU beeinflussen. Mit Frankreich, das zeitweise eine eher protektionistische oder abweichende Haltung einnimmt, insbesondere bei Handel und Verteidigungsprojekten, setzt die Ausrichtung Deutschlands und Italiens auf Deregulierung, Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigungsbereitschaft eine eigene Agenda für kommende EU-Gipfel.
2. Stärkere europäische strategische Autonomie
Beide Führungspersönlichkeiten betonten die Notwendigkeit, dass Europa wirtschaftlich und strategisch autonomer agiert, ohne die traditionellen Partner wie die USA auszuschließen. Dieser duale Fokus — auf interne Integration und externe Kooperation — zeigt einen pragmatischen Ansatz für Europas Rolle in einem sich wandelnden geopolitischen Umfeld.
3. Auswirkungen auf NATO und transatlantische Beziehungen
Während der Schwerpunkt auf europäischer Kapazitätssteigerung liegt, bleiben Berlin und Rom NATO und transatlantischen Sicherheitsrahmen verpflichtet. Meloni betonte die Bedeutung einer kooperativen Annäherung an die USA, auch wenn Europa stärkere eigene Fähigkeiten entwickelt.
Fazit: Auf dem Weg zu einer stärkeren Berlin–Rom-Partnerschaft
Die von Merz und Meloni unterzeichneten Abkommen stellen eine qualitative Vertiefung der italienisch-deutschen Zusammenarbeit in einer geopolitisch intensiven Zeit dar. Durch die Ausrichtung auf Verteidigung, industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und strategische Autonomie positionieren sich die beiden Regierungen als zentrale Partner, um die EU-Politik zu gestalten, Europas Position global zu stärken und systemische Herausforderungen zu bewältigen.
Ob diese erneuerte bilaterale Achse die europäische Integration neu gestalten oder als Modell für breitere Koalitionsbildung innerhalb der EU dienen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass Berlin und Rom sich als unverzichtbare Akteure für das nächste Kapitel der geopolitischen Evolution Europas positionieren.