China hat Medienberichte zurückgewiesen, wonach Deutschland chinesische Schwachstellen analysiert, um sie in einem möglichen Handelskrieg nutzen zu können. Peking betonte stattdessen, beide Länder sollten Kommunikation, Zusammenarbeit und eine langfristige Entwicklung ihrer Beziehungen bewahren. Die Reaktion erfolgte am Mittwoch durch die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Mao Ning, nachdem Bloomberg berichtet hatte, deutsche Behörden würden Schwachstellen in Chinas Lieferketten untersuchen, um im Falle einer Eskalation der Spannungen zwischen China und der Europäischen Union über mehr Verhandlungsspielraum zu verfügen.
Der Streit ist von großer Bedeutung, weil er an der Schnittstelle von Handel, industrieller Sicherheit und strategischem Wettbewerb liegt. Deutschland soll demnach untersuchen, in welchen Bereichen China weiterhin auf europäische Technologie und Wartungsleistungen angewiesen ist, während Peking davor warnt, dass eine Konfrontation globale Lieferketten sowie die bilaterale Zusammenarbeit erheblich beschädigen würde.
Berlins angebliche Strategie
Laut den auf Bloomberg basierenden Berichten analysieren deutsche Behörden im Hintergrund Handels- und Unternehmensdaten, um wirtschaftliche Schwachstellen Chinas zu identifizieren – insbesondere in den Bereichen Halbleiter, Maschinenbau und Wartungsdienstleistungen. Ziel dieser Untersuchung soll sein, im Falle eines Handelskonflikts zwischen der Europäischen Union und China über Druckmittel in Sektoren zu verfügen, in denen China weiterhin auf deutsches und europäisches Know-how angewiesen ist.
Dem Bericht zufolge gehört die Analyse zu insgesamt 34 nicht öffentlichen Initiativen des Nationalen Sicherheitsrates, die darauf abzielen, strategische Abhängigkeiten zu verringern und wirtschaftlicher Nötigung entgegenzuwirken. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Europäische Union bereits ein tägliches Handelsdefizit von mehr als einer Milliarde Euro gegenüber China verzeichnet. Dies hat die politische Debatte in Europa darüber verschärft, ob entschlossener gegen chinesische Überkapazitäten und aus Sicht europäischer Entscheidungsträger unfaire Wettbewerbspraktiken vorgegangen werden sollte.
Was China erklärte
Mao Ning erklärte, dass es im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung normal sei, dass die Industrien verschiedener Länder gegenseitige Bedürfnisse und Nachfrage hätten. Sie betonte: „China und Deutschland sind umfassende strategische Partner, und gegenseitiger Nutzen sowie Win-win-Ergebnisse bilden die Grundlage der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit.“ Damit unterstrich Peking erneut seine Position, wonach die Beziehungen durch Kooperation und nicht durch Druck gestaltet werden sollten.
Weiter erklärte Mao: „Beide Seiten sollten Kommunikation und Zusammenarbeit stärken, gemeinsame Entwicklung erreichen, gemeinsam die Stabilität und den reibungslosen Betrieb globaler Produktions- und Lieferketten sichern sowie die weltweite Entwicklung und den Wohlstand fördern.“ Damit stellte sie den Konflikt nicht nur als bilaterale Angelegenheit dar, sondern als Frage von globaler Bedeutung für den internationalen Handel.
Diese Haltung entspricht der Linie, die China in den vergangenen Monaten wiederholt vertreten hat. Das Außenministerium warnte Europa mehrfach davor, Handelsfragen zu politisieren oder als Sicherheitsproblem zu behandeln. Begriffe wie „De-Risking“ oder „Abbau von Abhängigkeiten“ seien in der Praxis lediglich eine Form des Protektionismus.
Warum das Thema so sensibel ist
Die jüngsten Spannungen entstehen nicht isoliert. Die Beziehungen zwischen China und Deutschland sind seit Jahren von einer Kombination aus enger wirtschaftlicher Verflechtung und wachsendem strategischem Misstrauen geprägt – insbesondere in den Bereichen Industriepolitik, Lieferkettensicherheit und Technologiekontrollen. Nach Angaben des Council on Foreign Relations erreichte Deutschlands Handelsdefizit mit China im Jahr 2025 einen Rekordwert von 90 Milliarden Euro. Gleichzeitig beklagen deutsche Unternehmen chinesische Subventionen, Wechselkursvorteile und staatlich unterstützten Wettbewerb.
Diese Entwicklung erklärt, warum Berlin offenbar Notfallstrategien prüft, anstatt offen einen wirtschaftlichen Konflikt anzukündigen. Bloomberg zufolge könnte Deutschlands möglicher Hebel nicht nur darin bestehen, neue Exporte von Maschinen oder Komponenten einzuschränken, sondern auch Wartungs- und Servicedienstleistungen für bereits in China eingesetzte Anlagen auszusetzen. Ein solcher Schritt könnte insbesondere die Hightech-Industrie erheblich beeinträchtigen.
Strategische Druckpunkte
Die deutsche Analyse hebt Berichten zufolge mehrere Bereiche hervor, in denen Europa weiterhin über erheblichen Einfluss verfügt. Dazu gehören Anlagen für die Halbleiterproduktion, Präzisionsmaschinen und industrielle Dienstleistungen. Unternehmen wie Trumpf, Carl Zeiss, Siltronic, Aixtron und SUSS MicroTec werden in den Berichten als Beispiele hochspezialisierter Zulieferer genannt, die tief in Chinas industrielle Wertschöpfungsketten eingebunden sind.
Der strategische Hintergrund besteht darin, dass China zwar erhebliche Fortschritte im Automobilbau und Maschinenbau erzielt hat, in bestimmten Hochtechnologiebereichen jedoch weiterhin auf spezialisierte europäische Komponenten angewiesen ist. Die Schwachstellen seien daher nicht breit gestreut, sondern auf wenige Schlüsselbereiche konzentriert. Gerade das macht sie im Falle eines Handelskonflikts politisch besonders relevant, da gezielte Maßnahmen möglich wären, ohne umfassende Sanktionen verhängen zu müssen.
Pekings übergeordnete Position
Chinas jüngste Erklärung fügt sich in eine Reihe wiederholter Appelle an die Europäische Union ein, Zurückhaltung zu üben. Bereits im Mai hatte Außenminister Wang Yi Deutschland dazu aufgerufen, die gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit auszubauen und gemeinsam gegen Unilateralismus sowie Protektionismus einzutreten. Zuvor hatte Wang Deutschland davor gewarnt, Handelsstreitigkeiten zu politisieren oder Zölle als politisches Instrument einzusetzen.
Chinesische Regierungsvertreter betonen zudem regelmäßig, dass die Beziehungen zwischen China und der Europäischen Union auf Zusammenarbeit und nicht auf einem Nullsummenspiel beruhen sollten. Mao Ning erklärte im Mai, dass Begriffe wie „De-Risking“, „Abbau von Abhängigkeiten“ oder „Handelsungleichgewicht“ letztlich Formen des Protektionismus seien. Handel sei eine wechselseitige Beziehung und werde Europa nicht von China aufgezwungen. In weiteren Stellungnahmen bezeichnete die chinesische Diplomatie China wiederholt als „Partner und nicht Problem“ für die europäische Wirtschaft.
Der europäische Hintergrund
Der Bericht erscheint vor dem Hintergrund einer umfassenderen europäischen Debatte darüber, wie auf den industriellen Aufstieg Chinas reagiert werden soll. Die Europäische Union prüft neue Schutzinstrumente wie Importquoten, Zölle sowie strengere Vorschriften im Bereich Cybersicherheit und öffentliche Beschaffung, um Wirtschaftszweige zu schützen, die sie als besonders anfällig für unlauteren Wettbewerb ansieht. Darüber hinaus hat die Europäische Kommission Schritte bei der Welthandelsorganisation (WTO) wegen chinesischer Praktiken im Bereich des geistigen Eigentums eingeleitet und sorgt sich weiterhin über das Ungleichgewicht im Warenhandel sowie die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller.
Gleichzeitig bleiben die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der EU deutlich sichtbar. Einige Mitgliedstaaten befürworten einen härteren Kurs gegenüber China, während andere – darunter Deutschland und in einem Fall auch Spanien – Maßnahmen ablehnen, die Vergeltungsmaßnahmen Pekings auslösen könnten. Diese Unterschiede zeigen, dass Europa weiterhin versucht, wirtschaftlichen Selbstschutz mit den Risiken einer Eskalation in Einklang zu bringen.
Was das bedeutet
Diese Entwicklung ist eher als Warnsignal denn als endgültiger Bruch der Beziehungen zu verstehen. Deutschland scheint sich auf mögliche wirtschaftliche Druckmittel vorzubereiten, während China auf Kooperation, stabile Lieferketten und gemeinsame Entwicklung setzt. Beide Seiten wollen ihre Verhandlungsposition stärken, doch keine scheint an einem umfassenden Handelskrieg interessiert zu sein, der Hersteller, Verbraucher und globale Lieferketten gleichermaßen belasten würde.
Die eigentliche Entwicklung besteht darin, dass China und Deutschland trotz ihrer engen industriellen Verflechtung ihre wirtschaftlichen Beziehungen zunehmend unter Sicherheitsgesichtspunkten betrachten. Dadurch wird jeder Bericht über wirtschaftliche „Schwachstellen“ politisch hochsensibel, weil normale Handelsabhängigkeiten zu strategischen Instrumenten werden. In einem solchen Umfeld werden selbst vorsichtig formulierte Appelle zur Zusammenarbeit Teil des geopolitischen Wettbewerbs.