Deutschland sieht sich im Vorfeld mehrerer Landtagswahlen einer neuen Welle russlandnaher Desinformation gegenüber. Sicherheitsquellen und Faktenprüfer berichten, dass die Kampagne darauf abzielt, etablierte Parteien zu destabilisieren, während die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) häufig verschont bleibt oder indirekt profitiert. Die aktuelle Operation wirkt gezielter und regionaler als frühere Einflusskampagnen: Im Fokus stehen wenig bekannte Kommunal- und Landespolitiker, die mit erfundenen Skandalen und täuschend echten Medienformaten diskreditiert werden sollen, um das Vertrauen in den demokratischen Prozess zu untergraben.
Eine gezieltere und stärker regional ausgerichtete Kampagne
Die jüngsten Berichte deuten darauf hin, dass es sich nicht um eine breit angelegte Einflussoperation handelt, sondern um einen präzisen Versuch, das politische Klima in wichtigen Bundesländern zu beeinflussen. Reuters berichtet unter Berufung auf vier deutsche Sicherheitsquellen, dass Russland seine Desinformationskampagnen vor den Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verstärkt. Ziel sei es, die politische Polarisierung zu verschärfen und die CDU, ihren Koalitionspartner SPD sowie Bündnis 90/Die Grünen und die FDP zu schwächen.
Bemerkenswert ist dabei der Fokus auf die Landespolitik. Laut dem DW-Faktencheck richtet sich das manipulierte Material gegen vergleichsweise unbekannte Kandidatinnen und Kandidaten regionaler Wahlen. Das ist ungewöhnlich, da russische Einflussoperationen bislang vor allem nationale Themen, prominente Politiker und allgemeine antiwestliche oder anti-establishment Narrative in den Mittelpunkt stellten.
So funktioniert die Kampagne
Die Vorgehensweise ist bekannt, wirkt inzwischen jedoch deutlich professioneller. Reuters zufolge werden vor allem englischsprachige Videos über soziale Medien verbreitet, die mit den Logos renommierter Medien wie der BBC oder der ARD versehen sind. Tatsächlich enthalten diese Videos jedoch frei erfundene Vorwürfe gegen lokale Politiker, darunter Anschuldigungen wegen Veruntreuung, sexueller Belästigung oder Missbrauchs.
Die Deutsche Welle berichtet zudem, mehr als 180 gefälschte Beiträge auf X, Bluesky und TikTok identifiziert zu haben. Die analysierten Inhalte wurden demnach seit dem 24. Juni veröffentlicht. Auffällig sei außerdem, dass die Kampagne fast ausschließlich werktags aktiv sei und an Wochenenden deutlich nachlasse. Dies spreche für eine koordinierte und systematische Produktion statt für zufällige Aktivitäten einzelner Nutzer.
Ziele und politische Strategie
Die politische Logik hinter der Desinformation scheint zweigleisig zu sein: Das Vertrauen in die politischen Parteien der Mitte soll geschwächt und gesellschaftliche Spaltungen vertieft werden, während die AfD weitgehend außerhalb der direkten Angriffe bleibt. Reuters berichtet, dass CDU, SPD, Grüne und FDP gezielt diskreditiert werden sollen. Die Deutsche Welle stellt fest, dass Kandidaten nahezu aller Parteien betroffen seien – mit Ausnahme der AfD und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW).
Dieses Muster passt zu einer längerfristigen russischen Informationsstrategie in Europa. Die Berliner Forscherin Julia Smirnova vom Center for Monitoring, Analysis and Strategy erklärte gegenüber der Deutschen Welle:
„Was wir jetzt vor den Landtagswahlen sehen, ist die Fortsetzung einer langfristigen russischen Strategie: Parteien zu unterstützen, die als russlandfreundlicher gelten, während andere Parteien und Kandidaten diskreditiert werden.“
Smirnova betonte zudem:
„Es ist ungewöhnlich, dass russische Einflusskampagnen gezielt einzelne Kandidaten bei Landtagswahlen ins Visier nehmen.“
Diese Einschätzung unterstreicht, wie sehr sich die aktuelle Kampagne von früheren Aktionen unterscheidet, die vor allem auf allgemeine pro-russische oder antiwestliche Botschaften setzten.
Wer steckt dahinter?
Nach Angaben von Reuters gehen deutsche Behörden davon aus, dass die Kampagne zentral aus Russland gesteuert und über verschiedene Unternehmen organisiert wird. Die vier Sicherheitsquellen wollten anonym bleiben, erklärten jedoch, die deutschen Behörden seien sich über den russischen Ursprung der Operation sicher. Moskau weist Vorwürfe einer Einmischung in westliche Wahlen weiterhin zurück.
Die Deutsche Welle geht noch einen Schritt weiter und bringt die Kampagne mit dem Netzwerk Matryoshka beziehungsweise Operation Overload in Verbindung. Zudem wird auf Storm-1516 verwiesen – ein Netzwerk, das westliche Regierungen und Forscher dem russischen Militärgeheimdienst GRU zurechnen.
Julia Smirnova erklärte:
„Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine russische Kampagne im Auftrag der Präsidialverwaltung.“
Sie ergänzte, solche Operationen würden häufig über private Unternehmen abgewickelt, die sich auf digitales Marketing und politische Einflussnahme spezialisiert hätten.
Warum die AfD im Mittelpunkt der Debatte steht
Die AfD spielt in der aktuellen Diskussion eine besondere Rolle – nicht, weil sie Hauptziel der Falschinformationen wäre, sondern weil sie offenbar indirekt von ihnen profitiert. Reuters berichtet, dass der Partei bei den anstehenden Landtagswahlen deutliche Zugewinne zugetraut werden. Frühere Analysen der Deutschen Welle zeigen zudem, dass russische Einflussoperationen regelmäßig Narrative verbreiteten, die der AfD nützen und ihre politischen Konkurrenten schwächen.
Diese Entwicklung fügt sich in einen längerfristigen Trend ein. Bereits der DW-Faktencheck zur Bundestagswahl 2025 kam zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Falschmeldungen gegen Grüne, CDU und SPD sowie deren Spitzenkandidaten richteten, während die AfD und ihre Führung vergleichsweise positiv dargestellt wurden. Forscher verwiesen außerdem darauf, dass die sogenannte Doppelgänger-Operation bereits Anfang 2024 darauf ausgerichtet gewesen sei, der AfD zu einem Stimmenanteil von mindestens 20 Prozent zu verhelfen.
Praktisch bedeutet dies, dass das eigentliche Ziel möglicherweise nicht in offener Werbung für die AfD besteht. Vielmehr könnte die Strategie darauf abzielen, das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben, den Eindruck allgemeiner Korruption zu verstärken und die AfD dadurch als vergleichsweise unbelastete Alternative erscheinen zu lassen.
Ein europaweites Muster
Deutschland ist keineswegs das einzige Ziel solcher Kampagnen. Reuters erinnert daran, dass Russland bereits mehrfach beschuldigt wurde, sich in Wahlen anderer Staaten einzumischen. Die Bundesregierung hatte schon vor der Bundestagswahl im Vorjahr vor einer ähnlichen russischen Desinformationskampagne gewarnt. Zudem verweist Reuters auf Vorwürfe russischer Einflussnahme bei Wahlen in Moldau und Armenien.
Nach Angaben der Deutschen Welle ist die aktuelle Kampagne Teil eines grenzüberschreitenden Netzwerks, das seit September 2023 aktiv ist und bereits das Europäische Parlament, die Olympischen Spiele in Frankreich sowie weitere nationale Wahlen ins Visier genommen hat. Der deutsche Fall ist damit Teil einer umfassenderen europäischen Strategie und kein isoliertes Ereignis.
Was die bisherigen Erkenntnisse zeigen
Die bisherigen Belege weisen nicht nur auf vereinzelte Falschmeldungen hin, sondern auf eine systematisch organisierte Einflussoperation, die auf Identitätsfälschung, Wiederholung und emotionale Manipulation setzt. Durch die Nutzung täuschend echter BBC- oder ARD-Logos sowie frei erfundener Vorwürfe gegen lokale Politiker soll Verunsicherung schneller verbreitet werden, als Behörden und Faktenprüfer reagieren können.
Die mehr als 180 dokumentierten Falschbeiträge sind nicht allein wegen ihrer Anzahl bemerkenswert. Sie zeigen vielmehr eine industrielle Produktionsweise, die gleichzeitig mehrere Wahlkämpfe und mehrere Bundesländer ins Visier nimmt. Dass die Aktivitäten überwiegend an Werktagen stattfinden, deutet zudem auf eine professionelle Koordination hin, die den politischen Nachrichtenzyklus gezielt ausnutzt.
Warum das jetzt wichtig ist
Die Bedeutung dieser Entwicklung ist erheblich. Deutschland befindet sich in einer Phase, in der Debatten über ausländische Einflussnahme, gesellschaftliche Polarisierung und sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen ohnehin intensiv geführt werden. Regionale Unterschiede, Ost-West-Spannungen, Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und die Diskussion über die Russlandpolitik bieten ein besonders anfälliges Umfeld für gezielte Desinformation.
Letztlich geht es daher um weit mehr als einzelne Falschmeldungen in sozialen Netzwerken. Es geht darum, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in demokratische Wahlen, staatliche Institutionen und unabhängige Medien zu untergraben. Wenn lokale Kandidaten mithilfe gefälschter BBC- oder ARD-Videos diffamiert werden können, lautet die eigentliche Botschaft der Kampagne: Keine Informationsquelle sei mehr verlässlich und keine Wahl vor Manipulation sicher.