Deutschlands De-Risking-Dilemma hat sich nach einem Rekordhandelsdefizit von 89 Milliarden Euro gegenüber China im Jahr 2025 deutlich verschärft. Diese Zahl hat die Debatte in Berlins politischen und industriellen Kreisen intensiviert. Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar 2026 nach Peking reiste, war der Besuch stärker von wirtschaftlicher Dringlichkeit als von symbolischer Bedeutung geprägt. Der bilaterale Handel erreichte 2025 zwar 251,8 Milliarden Euro, doch die Struktur dieses Austauschs offenbarte eine wachsende Asymmetrie: Die Exporte nach China sanken um mehr als 11 Prozent, während die Importe zweistellig zunahmen.
Das Ungleichgewicht nähert sich inzwischen 2 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts eine bemerkenswerte Umkehr für eine Volkswirtschaft, die historisch durch Exportüberschüsse geprägt war. Für politische Entscheidungsträger ist das De-Risking-Dilemma längst keine theoretische Debatte mehr. Es lässt sich in schrumpfenden Marktanteilen, steigender Importdurchdringung und zunehmendem Wettbewerbsdruck in Industriesektoren messen, die einst das Rückgrat deutscher Weltmarktführerschaft bildeten.
Umfang und Struktur der Handelslücke 2025
Deutschlands wirtschaftliche Verflechtung mit China hat sich von gegenseitigem Wachstum zu einem strukturellen Ungleichgewicht entwickelt. Das Ausmaß des Defizits 2025 zeigt, wie rasch sich die Handelsdynamik innerhalb von nur fünf Jahren verändert hat.
Exportrückgang und Verlust von Marktanteilen
Die deutschen Exporte nach China fielen 2025 auf rund 81 Milliarden Euro. Damit rutschte China auf den sechsten Platz unter Deutschlands Exportzielen. Märkte wie die Vereinigten Staaten, Frankreich und Italien überholten China in ihrer relativen Bedeutung – ein symbolischer Wandel für eine Volkswirtschaft, die lange stark von chinesischer Industrienachfrage abhängig war.
Besonders deutlich war der Rückgang im Maschinenbau und in der Automobilindustrie. Chinesische Hersteller haben ihre Produktion zunehmend lokalisiert und entlang der Wertschöpfungskette technologisch aufgeholt, wodurch die Abhängigkeit von importierten deutschen Investitionsgütern sank. Mittelständische Unternehmen in Baden-Württemberg und Bayern berichten von wachsendem Preisdruck durch chinesische Anbieter, die inzwischen technische Spezifikationen erfüllen, die einst als Alleinstellungsmerkmal europäischer Produzenten galten.
Importanstieg und Umlenkungseffekte
Während die Exporte zurückgingen, stiegen die Importe aus China auf über 170 Milliarden Euro. Elektrofahrzeuge, Batteriekomponenten, Solarmodule und Industriemaschinen verzeichneten besonders starke Zuwächse. Analysten führen einen Teil dieses Anstiegs auf Umlenkungseffekte zurück, die durch erneute US-Zollerhöhungen im Jahr 2025 ausgelöst wurden und chinesische Waren verstärkt auf den europäischen Markt lenkten.
Vertreter von Germany Trade & Invest bezeichneten diese Ströme als Nebenfolge der globalen Handelsfragmentierung. Die zunehmenden Mengen auf dem EU-Markt verstärkten die Sorge vor Überkapazitäten und Wettbewerbsverzerrungen – Themen, die sich in mehreren Untersuchungen der Europäischen Kommission zu subventionierten chinesischen Umwelttechnologien im Jahr 2025 widerspiegelten.
Merz’ Peking-Reise und diplomatische Kalibrierung
Vor diesem Hintergrund verfolgte Merz in Peking ein doppeltes Ziel: wirtschaftliche Stabilisierung bei gleichzeitiger strategischer Vorsicht. Er bezeichnete die Handelsdynamik als „nicht gesund“ – eine Formulierung, die sowohl das wirtschaftliche Ungleichgewicht als auch die politische Sensibilität erfasste.
Der Besuch führte zu mehr als 60 Kooperationsvereinbarungen in den Bereichen Wasserstoff, Klimatechnologien und fortgeschrittene Fertigung. Chinesische Regierungsvertreter sprachen von „positiven und pragmatischen“ Ergebnissen. Deutsche Vertreter betonten hingegen Reziprozität und Marktzugang als zentrale Säulen künftiger Zusammenarbeit.
Diese diplomatische Choreografie knüpfte an die China-Strategie Deutschlands von 2023 an, in der De-Risking offiziell als Leitprinzip verankert wurde. Merz hat wiederholt erklärt, dass eine vollständige wirtschaftliche Entkopplung ein strategischer Fehler wäre, zugleich aber betont, dass konzentrierte Abhängigkeiten in kritischen Sektoren reduziert werden müssten. Der Ton bleibt daher ausbalanciert – eher ein Balanceakt als ein Bruch.
Weiterentwicklung der deutschen De-Risking-Strategie
Zwischen 2023 und 2026 hat sich der De-Risking-Rahmen von einem konzeptionellen Ansatz zu einem operativen Instrument entwickelt. Er wirkt sich inzwischen konkret auf Handel, Investitionsprüfung und Lieferketten aus.
Diversifizierung kritischer Lieferketten
Halbleiter, seltene Erden und medizinische Vorprodukte stehen im Fokus. China kontrolliert einen dominanten Anteil an der weltweiten Verarbeitung seltener Erden, was Diversifizierung sowohl dringlich als auch kostspielig macht. Deutschland setzt verstärkt auf Beschaffungspartnerschaften mit Australien und Kanada, während Instrumente auf EU-Ebene die Eigenkapazitäten stärken sollen.
Diese Diversifizierung verläuft jedoch nicht reibungslos. Alternative Lieferanten sind häufig teurer, was bei Industrieverbänden Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit auslöst. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Preisparität zu wahren und zugleich etablierte chinesische Liefernetzwerke schrittweise zu ersetzen.
Neujustierung der Automobilindustrie
Die Automobilbranche verdeutlicht die Spannung zwischen Anpassung und Abhängigkeit. Deutsche Hersteller haben ihre lokale Produktion in China ausgeweitet, um Marktanteile zu sichern, während gleichzeitig chinesische Elektrofahrzeuge verstärkt nach Europa exportiert werden. Diese doppelte Exponierung erschwert die Erzählung eines strategischen Rückzugs.
Im Jahr 2025 signalisierten europäische Untersuchungen zu E-Auto-Subventionen eine verschärfte handelspolitische Haltung. Dennoch bleiben deutsche Automobilkonzerne tief in chinesische Joint Ventures eingebunden. Es entsteht ein strukturelles Paradox: Während Deutschland systemische Verwundbarkeiten reduzieren will, intensivieren seine Vorzeigeunternehmen die Integration vor Ort.
Innenpolitischer und wirtschaftlicher Druck
Das De-Risking-Dilemma ist auch innenpolitisch spürbar. Branchenangaben zufolge gingen 2025 monatlich durchschnittlich rund 10.000 Industriearbeitsplätze verloren, was Erinnerungen an frühere Globalisierungswellen und einen möglichen „China-Schock“ wachruft.
Innerhalb der Regierungskoalition bestehen unterschiedliche Akzente. Marktorientierte Stimmen plädieren für Offenheit und Exporterholung, während sicherheitspolitisch geprägte Akteure strengere Kontrollen sensibler Technologien fordern. Industrieverbände warnen vor einer Erosion der industriellen Basis durch ungebremste Importzuwächse, Gewerkschaften mahnen gezielte Schutzmaßnahmen an.
Europäischer und globaler Kontext
Deutschlands Entscheidungen erfolgen nicht im luftleeren Raum. Die Europäische Union hat seit 2025 ihre handelspolitischen Schutzinstrumente ausgeweitet und richtet sie gegen Überkapazitäten in Stahl, Solarmodulen und Elektrofahrzeugen. Frankreich und Polen vertreten eine deutlichere Rhetorik strategischer Autonomie und drängen Berlin zu einer klareren Positionierung.
Auch transatlantische Entwicklungen erhöhen den Druck. Neue Zollmaßnahmen aus Washington haben globale Lieferketten verkompliziert und Handelsströme nach Europa umgelenkt. Deutschland bewegt sich damit in einem Dreiecksverhältnis zwischen Peking und Washington, während Brüssel kollektive Maßnahmen koordiniert.
Merz setzt auf ein koordiniertes europäisches De-Risking und warnt vor einseitigen deutschen Alleingängen. Angesichts der wirtschaftlichen Größe Deutschlands kommt Berlin eine Schlüsselrolle bei der langfristigen China-Strategie der EU zu, insbesondere in den Bereichen grüne Technologien und fortgeschrittene Industrieproduktion.
Strategische Abwägungen im Jahr 2026
Mit Blick auf 2026 stellt sich die Frage, ob eine kalibrierte Zusammenarbeit den Exportrückgang umkehren kann, ohne neue Abhängigkeiten zu verstärken. Die in Peking geschlossenen Wasserstoff- und Klimaabkommen eröffnen zwar zusätzliche Möglichkeiten, doch strukturelle Ungleichgewichte lassen sich nicht kurzfristig korrigieren.
Deutschlands Wirtschaftsmodell wird von einem Handelspartner herausgefordert, der sich vom komplementären Abnehmer zum vollumfänglichen Wettbewerber entwickelt hat. Gleichzeitig bleibt China ein zentraler Markt für deutsche Unternehmen, die Skaleneffekte und Innovationskooperationen suchen.
Das De-Risking-Dilemma entscheidet sich letztlich an Sequenzierung und Resilienz. Gelingt Diversifizierung schrittweise bei gleichzeitiger Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit, könnte Deutschland seine Abhängigkeiten neu justieren, ohne die industrielle Basis zu destabilisieren. Weiten sich jedoch Kostendruck und Wettbewerbsnachteile schneller aus als alternative Märkte reifen, dürfte der Anpassungsprozess tiefgreifender ausfallen als erwartet.
Wie Berlin diesen Spannungsbogen navigiert, wird nicht nur das bilaterale Verhältnis zu Peking prägen, sondern auch Europas wirtschaftspolitische Ausrichtung in einer Phase strategischer Fragmentierung. Ob pragmatische Einbindung und wirksame Risikoreduzierung dauerhaft vereinbar sind, bleibt eine offene Frage eine, die die Architektur des globalen Handels weit über die aktuellen Defizitzahlen hinaus beeinflussen wird.