Die regelbasierte Weltordnung existiert nicht mehr, warnt Deutschlands Merz

Die regelbasierte Weltordnung existiert nicht mehr, warnt Deutschlands Merz

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 — einem der bedeutendsten jährlichen Treffen von Staats- und Regierungschefs weltweit — lieferte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz eine deutliche Einschätzung der globalen Geopolitik: Die internationale „regelbasierte Ordnung“, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das globale Governance-System stützte, „existiert nicht mehr“.

In einer Grundsatzrede, die den Ton für den dreitägigen Gipfel setzte, argumentierte Merz, dass die Strukturen internationaler Zusammenarbeit, rechtlicher Verpflichtungen und gemeinsamer Normen — oft als regelbasierte Ordnung bezeichnet — durch das Erstarken von Großmachtkonkurrenz, Unilateralismus und geopolitische Fragmentierung untergraben worden seien. Seine Kommentare gingen über routinemäßige diplomatische Warnungen hinaus und stellten fest, dass die multilaterale Ordnung, wie sie über Jahrzehnte verstanden wurde, effektiv zusammengebrochen ist.

Was die regelbasierte Ordnung bedeutete

Seit 1945 wurde die globale Politik durch ein Netzwerk internationaler Institutionen, Verträge und Normen geprägt, die verhindern sollten, dass großangelegte Kriege wiederkehren, und die Zusammenarbeit zwischen Staaten steuerten. Dazu gehören die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation, NATO und zahlreiche internationale Abkommen zu nuklearer Nichtverbreitung, Handel und Menschenrechten. Grundidee dieser Mechanismen war, dass Staaten Einschränkungen ihrer einseitigen Macht akzeptieren, um kollektive Stabilität und Wohlstand zu sichern.

Trotz ihrer Schwächen bot dieses System relative Vorhersehbarkeit und förderte die internationale Zusammenarbeit in Bereichen wie Handel und Klimaschutz.

Merz’ Diagnose: „Existiert nicht mehr“

Merz’ Äußerungen — international breit berichtet — stellen eine schonungslose Einschätzung der Gegenwart dar:

„Diese Ordnung, so unvollkommen sie auch in ihren besten Zeiten war, existiert in dieser Form nicht mehr.“

Er beschrieb eine geopolitische Landschaft, in der Großmächte Einfluss versuchen, oft außerhalb etablierter Regeln und Normen, geltend zu machen. Zentrale Merkmale dieser Veränderung sind:

• Großmachtkonkurrenz. Russlands Invasion in der Ukraine, die seit Jahren anhält, und Chinas zunehmende Durchsetzungsfähigkeit im Südchinesischen Meer und in wirtschaftlichen Abhängigkeiten sind emblematisch für das wachsende Ringen der Großmächte.

• Schwächung der US-Führungsrolle. Merz deutete an, dass die Vereinigten Staaten — historisch Garant der Nachkriegsordnung — nicht mehr in der Lage sind, allein globale Stabilität zu sichern. Selbst die USA werden Schwierigkeiten haben, in einer Phase veränderter Machtverhältnisse unilateral zu agieren.

• Spannungen in den transatlantischen Beziehungen. Die Rede sprach von einer „tiefen Kluft“ zwischen Europa und den USA, die teilweise auf die US-Außenpolitik, Handelsstreitigkeiten und politische Rhetorik zurückzuführen ist, die von europäischen Führungskräften als abweichend von traditionellen multilateralen Ansätzen angesehen wird.

Merz warnte eindringlich:

„Unsere Freiheit ist nicht garantiert.“

Kontext der Münchner Sicherheitskonferenz

Die Sicherheitskonferenz 2026 brachte über 60 Staats- und Regierungschefs sowie Sicherheits– und Verteidigungsvertreter zusammen. Das Leitthema — die Fragilität der globalen Ordnung — unterstrich wachsende Sorgen über Krieg, autoritäre Revision internationaler Normen und bröckelnde Allianzen.

Die Reden spiegelten ein gemeinsames Bewusstsein wider, dass die Welt weder friedlich noch vorhersehbar ist, im krassen Gegensatz zu der Optimismusphase nach Ende des Kalten Krieges in den 1990er Jahren.

Fokus auf transatlantische Beziehungen

Ein zentraler Punkt von Merz’ Rede war die transatlantische Partnerschaft zwischen Europa und Nordamerika.

Merz betonte, dass Europa sich nicht mehr auf die USA verlassen kann wie früher, insbesondere angesichts der politischen und diplomatischen Änderungen in den USA. Gleichzeitig forderte er, dass Europa substantiell mehr zur eigenen Verteidigung beiträgt, während er die Zusammenarbeit mit den USA erneuern möchte.

Er bezeichnete die Kluft zwischen Europa und den USA als „tief“, und rief dazu auf, „transatlantisches Vertrauen wiederherzustellen“, wobei er die unverzichtbare Rolle der NATO in einer instabilen Welt betonte.

Ruf nach europäischer strategischer Autonomie

Die Rede von Merz verdeutlichte den klaren Wunsch Europas nach mehr strategischer Autonomie:

• Verteidigungsfähigkeit. Führende Politiker, darunter der französische Präsident Emmanuel Macron, bekräftigten die Notwendigkeit, militärische und Sicherheitsinvestitionen zu beschleunigen und sich nicht von externen Mächten abhängig zu machen.

• Nukleardeterrenz. Merz erwähnte vertrauliche Gespräche zwischen Deutschland und Frankreich über eine mögliche europäische nukleare Abschreckung, was die wachsenden Sicherheitsbedenken verdeutlicht.

• Globale Partnerschaften. Europa müsse neue internationale Partnerschaften aufbauen und sich für eine multipolare Welt neu aufstellen.

Globale Implikationen

Merz’ Rhetorik spiegelt eine weltweite Diskussion über den Zustand der globalen Governance wider. Viele Analysten diskutieren, ob die „regelbasierte Ordnung“ in eine neue Phase übergeht oder tatsächlich zusammenbricht.

Einige sehen in dieser Phase einen Bruch des etablierten Systems, sichtbar durch einseitige Aktionen, Protektionismus und zunehmenden Nationalismus. Andere argumentieren, dass die alte Ordnung zwar unter Druck steht, aber reformiert werden kann.

Klar ist jedoch, dass europäische Führungskräfte die aktuelle Situation als unsicher, unvorhersehbar und dringend handlungsbedürftig sehen — sowohl individuell als auch kollektiv.

Reaktionen

Merz’ Aussagen stießen auf gemischte Reaktionen:

  • US-Delegation: US-Außenminister Marco Rubio sprach von einer „neuen Ära der Geopolitik“ und betonte die Notwendigkeit, Rollen und Strategien der globalen Partner neu zu bewerten.
  • Europäische Stimmen: Europäische Politiker befürworteten die Notwendigkeit strategischer Anpassungen, während sie gleichzeitig die Bewahrung von Werten wie Menschenrechten, Freihandel und Multilateralismus betonten.

Merz’ Feststellung, dass die regelbasierte Ordnung „nicht mehr existiert“, wird in diplomatischen Kreisen noch lange nachhallen. Es ist mehr als eine Kritik am Status quo — es ist ein Aufruf zum Handeln: Europa muss strategisch autonomer werden, die transatlantische Allianz muss neu definiert werden, und Länder weltweit müssen überdenken, wie Sicherheit, Zusammenarbeit und globale Governance künftig funktionieren sollen.

Wie diese neue Ordnung aussehen wird — ob reformiert, regional gegliedert oder völlig neu — bleibt eine zentrale Frage für Politiker, Wissenschaftler und die internationale Gemeinschaft.