Deutschland ist der Schlüssel zu einer europäischen Überlebensstrategie

Deutschland ist der Schlüssel zu einer europäischen Überlebensstrategie

Wenn Macht Recht schafft und Verträge sowie Gesetze bloße „Kleinigkeiten“ sind, wie Stephen Miller, stellvertretender Stabschef von US-Präsident Donald Trump, kürzlich sagte, dann hat Europa – mit seiner begrenzten Hard-Power und seiner Vorliebe für regelbasierte Ansätze – ein erhebliches Problem.

Die Europäische Union bleibt zwar eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt und ein regulatorisches Schwergewicht. Doch im neuen geopolitischen Umfeld fällt es ihr zunehmend schwer, diese Vorteile in echte Handlungsfähigkeit umzusetzen. Während andere Staaten die Bedingungen bestimmen, unter denen Macht ausgeübt wird, bleiben europäische Führer oft nur damit beschäftigt, die Folgen von Entscheidungen zu managen, die anderswo getroffen werden. In einer Welt, in der große Akteure die Regeln der liberalen internationalen Ordnung nicht mehr als bindend ansehen, sondern stattdessen versuchen, sie zu ändern, Normen zu ihren Gunsten zu verbiegen und Macht um Einflusszonen zu organisieren, muss Europa dringend Wege finden, die Ordnung mitzugestalten, statt der Kontinent zu sein, auf dem Ordnung ständig infrage gestellt wird.

Das Überleben des europäischen Modells selbst steht auf dem Spiel. Es basiert auf Soft Power, internationaler Zusammenarbeit, freiem Handel und Rechtsbindung. Es war nie dafür konzipiert, in einem Umfeld großer Machtpolitik zu funktionieren – im Gegenteil, es wurde ausdrücklich als Gegenmodell geschaffen. Heute jedoch sind die internationalen Rahmenbedingungen, die dieses Modell einst ermöglichten, nicht mehr gegeben. Diese Transformation des internationalen Systems bedeutet nicht, dass Regeln oder Institutionen vollständig verschwinden. Aber ihre Fähigkeit, Verhalten zu strukturieren und Macht zu begrenzen, ist stark eingeschränkt – genau jene Bedingungen, auf die Europa lange gebaut hat. Besonders problematisch ist, dass die Vereinigten Staaten vom Hauptverteidiger dieses Systems zu einem der Akteure geworden sind, die es nun als grundsätzlich gegen ihre Interessen gerichtet betrachten.

Ein neues strategisches Umfeld

Vier übergeordnete Trends prägen heute das strategische Umfeld, in dem Europa agieren muss. Erstens: Internationale Beziehungen werden zunehmend brutalisiert. Zwang, Einschüchterung und der Einsatz von Gewalt sind wieder zentrale Instrumente der Staatspolitik. Großmächte – darunter die USA, Russland und China – missachten bestehende Regeln oder interpretieren sie zu ihrem Vorteil. In diesem Rahmen diktieren die Großmächte die globalen Spielregeln, während kleinere Staaten deren Entscheidungen akzeptieren und umsetzen sollen. Zweitens: Der Wettbewerb um Ressourcen verschärft sich weiter, sei es Energie, strategische Rohstoffe oder Technologien. Drittens: Die Welt wird multipolarer, da immer mehr Akteure versuchen, Einfluss auszubauen, etablierte Hierarchien herauszufordern, Wirtschafts- und Vernetzungsstrukturen neu zu gestalten und alternative Kooperationsformen außerhalb westlicher Strukturen zu schaffen. Viertens: Technologie hat sich als entscheidendes Machtinstrument etabliert – wirtschaftlich wie militärisch.

Im Zentrum dieser Transformation steht die erneute Vormachtstellung von Gewalt – wirtschaftlich, politisch und vor allem militärisch. Staaten sind bereit, Krieg zu führen, um ihre Interessen durchzusetzen, oft unter Missachtung internationaler Institutionen und geltender Rechtsnormen. Viele Mächte starten expansive Aufrüstungsprogramme, während gleichzeitig Rüstungskontrollabkommen auslaufen. Die internationalen Beziehungen verhärten sich also, und Europa muss Wege finden, seine Interessen in einer Welt zu sichern, in der Machtpolitik und Siege – statt Verhandlungen und Kompromisse – über Ergebnisse bestimmen.

Diese Dynamiken dürften sich nicht bald entspannen. Auch 2026 bleiben Konfliktrisiken hoch: Der Nahe Osten ist weiterhin instabil, Spannungen in der Arktis nehmen zu, und die westliche Hemisphäre hat sich erneut als strategischer Wettbewerbsschauplatz etabliert – wie der US-Einsatz in Venezuela zeigt. Unter der Trump-Administration haben die USA eine moderne Interpretation der Monroe-Doktrin – die „Donroe-Doktrin“ – wiederbelebt, um ihre Dominanz in Nord- und Südamerika zu sichern, die Region als privilegierte Einflusszone zu beanspruchen und außerkontinentale Konkurrenten wie China und Russland auszuschließen. China versucht weiterhin, seine Macht im Südchinesischen Meer und im gesamten Indo-Pazifik auszubauen, um unter anderem die Reaktionen der USA zu testen. Russland wiederum wird wahrscheinlich den Krieg in der Ukraine fortsetzen.

Für Europa bleibt Russland die akuteste Bedrohung: Moskaus Ziele sind unverändert, es bereitet sich auf einen langanhaltenden Konflikt vor, und seine Bemühungen, Europa zu destabilisieren – von Sabotageaktionen bis zu Desinformationskampagnen – sind deutlich sichtbar. Selbst wenn der Krieg 2026 eingefroren wäre, würde Russlands Interesse, die europäische Sicherheitsordnung zu ändern und seinen „rechtmäßigen“ Platz zu sichern, fortbestehen.

Ein kostspieliger Aufholprozess

Der Kontinent muss souveräner und widerstandsfähiger werden – technologisch, industriell, militärisch und in der Verteidigung seines demokratischen Modells. Doch dies ist teuer, politisch schwierig und widerspricht dem internationalen Umfeld, in dem viele Europäer lieber leben würden.

Militärische Kapazitäten werden in ganz Europa wiederaufgebaut, wenn auch ungleichmäßig. Einige Regierungen hinterfragen die Notwendigkeit der Aufrüstung, andere haben nicht die wirtschaftlichen Mittel, sie in großem Umfang umzusetzen. Auch andere Machtinstrumente wie Technologien müssen gestärkt werden, doch die Bedingungen dafür fehlen oft. Europäer verstehen zudem, dass sie ihre Partnerschaften neu definieren und eine pragmatische westliche Allianz mit Staaten bilden müssen, die zumindest grundlegende Prinzipien teilen – internationales Recht, Souveränität, Freihandel, territoriale Integrität. Länder wie Japan oder Australien erscheinen hierbei als attraktive Partner. Schließlich müssen die europäischen Institutionen – EU und NATO – flexibler werden, um Blockaden zu vermeiden. Die zunehmende Nutzung kleinerer Rahmenwerke, wie der „Koalition der Willigen“ für die Ukraine, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Agenda ist bekannt, die Umsetzung jedoch schleppend. Die Schwächung traditioneller europäischer Führer verschärft dies. Die USA sind vom Garant der liberalen Ordnung zu einer Quelle strategischer Unsicherheit geworden. Großbritannien möchte führen, sucht aber noch seine Rolle außerhalb der EU und fragt sich, ob die besondere Beziehung zu Washington weiterhin gilt. Frankreich hat eine Vision formuliert, ist aber durch innenpolitische und wirtschaftliche Zwänge eingeschränkt.

Deutschland im Mittelpunkt

Daher richtet sich der Blick zunehmend auf Deutschland. Unter Europas Großmächten ist es politisch und wirtschaftlich vergleichsweise stabil. Die deutsche Regierung steht unter Druck von rechts, befindet sich jedoch in einer besseren Lage als London und weit entfernt vom politischen Chaos in Paris. Gelingt die Aufrüstung, könnte Deutschland zur stärksten konventionellen Militärmacht des Kontinents werden. Viele Partner – von den baltischen Staaten bis zu Skandinavien – setzen auf Berlin, um die europäische Anpassung zu führen, und vertrauen darauf.

Das wirft ein bekanntes Dilemma auf: Kann Berlin helfen, einen Machtblock zu formen, der Europas Interessen gegenüber Russland, China und den USA durchsetzt? Oder wird es halbherzig führen, den Kontinent spalten oder allein agieren? Die Bereitschaft Deutschlands zur Führung könnte steigen, nicht zuletzt wegen der bereits spürbaren Folgen der veränderten internationalen Ordnung. Ein starkes Deutschland für Europa wäre eine Neuheit – historisch gesehen wurde militärische Macht Deutschlands eher gegen Europa eingesetzt.

Je mehr Verantwortung Deutschland übernimmt, desto stärker muss es die Perspektiven seiner Partner berücksichtigen. Obwohl viele Europäer auf eine deutsche Führung hoffen, wächst die Sorge, dass Deutschland zum Hegemon wird, der Politik, Wirtschaft und Verteidigung nach eigenen Regeln gestaltet. Frankreich und Polen zeigen sich skeptisch gegenüber einer Deutschland-geprägten europäischen Verteidigung.

Berlin muss daher Führung partizipativ gestalten. Dies geschieht bereits in Gruppen wie dem E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) oder der Gruppe der Fünf (E3 plus Polen und Italien), die europäische Positionen, etwa zur Ukraine, vorbereiten. Führt Berlin, indem es Partner integriert, Risiken teilt und Handeln innerhalb europäischer Rahmen verankert, lassen sich Ängste vor Dominanz und Alleingängen reduzieren. Dann könnte die Antwort 2026 lauten: Deutschland als Ermöglicher eines stärkeren und handlungsfähigeren Europas.