Eine wachsende Zahl von Bulgaren verlässt Deutschland – eines der wohlhabendsten Arbeitsziele Europas – nicht, weil es an Chancen fehlt, sondern weil neue Arbeitsmodelle es ihnen ermöglichen, westliche Gehälter von zu Hause aus zu verdienen. Dieser Trend stellt ein sich veränderndes Migrationsmuster dar, das durch Fernarbeit, Lebenshaltungskosten, familiäre Bindungen und den wachsenden digitalen Arbeitsmarkt geprägt wird.
Eine Umkehr der Migrationstrends
Fast zwei Jahrzehnte lang gehörten Bulgaren zu den beständigen Migrantenströmen nach Deutschland, auf der Suche nach höheren Löhnen, Arbeitsplatzsicherheit und besserer Lebensqualität. Im Jahr 2024 kam es jedoch zu einem Wendepunkt: Mehr Bulgaren verließen Deutschland, als dorthin zogen. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass der negative Migrationssaldo 2024 bei etwa –11.000 Personen lag – das heißt, 11.000 mehr Bulgaren verließen Deutschland, als ankamen – bei insgesamt etwa 432.000 in Deutschland lebenden Bulgaren.
Gleichzeitig zeigen bulgarische Statistiken, dass mehr als 18.000 Bürger 2024 zurückkehrten, verglichen mit rund 9.000, die das Land verließen – was darauf hinweist, dass die Rückwanderung die Abwanderung deutlich überstieg. Diese Entwicklung spiegelt tiefere sozioökonomische Veränderungen wider und ist nicht nur eine kurzfristige Schwankung.
Remote-Arbeit: Ein neuer Migrationsfaktor
Besonders auffällig an diesem Muster ist, was als Nächstes geschieht: Viele Rückkehrer suchen nicht einfach lokale Jobs in Bulgarien, sondern arbeiten weiterhin für ihre deutschen Arbeitgeber aus der Ferne. Dies ist kein Nischenphänomen – Anwälte in München berichten von einem klaren Anstieg von Fällen, in denen Unternehmen zustimmen, dass Mitarbeiter aus Bulgarien remote arbeiten. Während zu Beginn der Pandemie nur wenige dies taten, beschäftigen heute Dutzende deutscher Unternehmen mehrere Bulgaren, die nach Hause zurückgekehrt sind und remote arbeiten.
Fallbeispiele wie das von Kristina Borisova, die nach acht Jahren in Deutschland in die Schwarzmeerstadt Pomorie zurückkehrte, zeigen die Attraktivität: Sie behielt ihren Job bei einem deutschen Energieunternehmen, lebt nun jedoch bei der Familie, zahlt niedrigere Steuern und Sozialabgaben und verdient netto mehr als zuvor. Mit eingespartem Mietzins und niedrigeren Lebenshaltungskosten verbleiben ihr über 700 Euro monatlich nach Ausgaben – ein erheblicher Vorteil, wenn man das Durchschnittsgehalt in Bulgarien von rund 1.300 Euro berücksichtigt.
Ähnlich kehrte Radimir Bitsov während der Pandemie nach Sofia zurück, um eine Familie zu gründen, und arbeitet weiterhin remote für eine Berliner IT-Firma – er verdient etwa 20 % netto mehr, als als er noch in Deutschland lebte.
Warum die Arbeiter zurückkehren
Mehrere Faktoren erklären diesen Trend:
- Lebenshaltungskosten und Nettogehalt: Hohe Mieten, Steuern und Sozialabgaben in Deutschland verringern das verfügbare Einkommen. Viele Bulgaren stellen fest, dass sie in Bulgarien leben und westliche Gehälter beziehen – und dadurch mehr netto verdienen.
- Familie und Lebensqualität: Arbeiter, die jahrelang im Ausland waren, geben häufig die Nähe zur Familie, soziale Unterstützung und ein langsameres Lebenstempo als starke Motivatoren an. Bei der Betreuung von Kindern, dem Leben in der Nähe von Verwandten oder einfach beim Gefühl „zu Hause zu sein“ überwiegen diese Faktoren oft die Attraktivität einer westlichen Hauptstadt. ]
- Flexibilität durch Remote-Arbeit: Die Pandemie hat die Wahrnehmung ortsunabhängiger Arbeit revolutioniert. Arbeitgeber in Technologie- und Dienstleistungsbereichen akzeptieren zunehmend Remote-Arbeit – ein Wandel, der die internationale Migration auf den Kopf stellt.
Dieser Trend steht auch im Einklang mit nationalen Entwicklungen. Bulgarien führte 2025 ein Digital-Nomad-Visum ein, das neue Aufenthaltsmöglichkeiten für ortsunabhängige Arbeitskräfte von außerhalb der EU eröffnet. Während dies hauptsächlich auf ausländische Arbeitskräfte abzielt, zeigt es Bulgariens Anerkennung der zunehmenden Bedeutung von Fernarbeit.
Wirtschaftliche und soziale Auswirkungen in Bulgarien
Rückwanderung und Remote-Arbeit haben konkrete Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt Bulgariens:
- Höheres Einkommen zirkuliert lokal: Arbeitnehmer, die westliche Gehälter beziehen, aber lokal ausgeben, können die Nachfrage nach Konsumgütern, Wohnraum, Dienstleistungen und lokalen Unternehmen steigern.
- Fachkräftebindung und Rückkehr: Nach Jahren der Abwanderung könnte Bulgarien von der Rückkehr hochqualifizierter Fachkräfte profitieren, die Erfahrung, Netzwerke und Sprachkenntnisse mitbringen.
- Arbeitsmarktwettbewerb: Während Rückkehrer aufgrund ihrer deutschen Erfahrung und Sprachkenntnisse Remote-Arbeitsmöglichkeiten leichter finden, kämpfen andere Arbeitsmarktsegmente weiter – insbesondere niedrigqualifizierte Berufe oder solche außerhalb des digitalen Sektors.
Positive Effekte werden jedoch durch strukturelle Herausforderungen gemildert. Eine Umfrage der Europäischen Kommission zeigt, dass neben dem Einkommen Lebensqualität und institutionelle Bedingungen – wie Governance, Dienstleistungen und berufliche Chancen – stark die Rückkehr- oder Verbleibentscheidung beeinflussen. Zwar haben Wirtschaftswachstum und höhere Löhne Bulgariens Attraktivität erhöht, aber regionale und sektorale Unterschiede bestehen weiterhin.
Herausforderungen und Komplexität
Trotz der Vorteile gibt es Herausforderungen:
- Rechtliche und steuerliche Fragen: Nicht alle Remote-Arbeitsvereinbarungen sind unkompliziert. Bulgaren, die für ausländische Arbeitgeber arbeiten, können auf komplexe Fragen zu Steuerpflicht, Sozialversicherung, Krankenversicherung und Arbeitsverträgen stoßen – besonders, wenn ihr Arbeitgeber nicht in Bulgarien registriert ist.
- Digitale Infrastruktur und Dienstleistungen: Während Städte wie Sofia und Plovdiv gut vernetzt sind, hinken ländliche Gebiete hinterher, was die Standortwahl einschränken kann.
- Langfristige Integration der Rückkehrer: Rückkehrmigration ist nicht nur Umzug; sie beinhaltet die Reintegration in die bulgarische Gesellschaft, Anpassung an lokale Arbeitsplätze, Regulierungen und kulturelle Normen nach Jahren im Ausland.
Persönliche Geschichten
Neben Statistiken zeigen individuelle Geschichten, wie das Leben wirklich aussieht. Viele Rückkehrer berichten von Zufriedenheit und Zugehörigkeit, die rein wirtschaftliche Überlegungen überwiegen. Medienberichte nennen Paare wie Ivaylo und Katya, die fast ein Jahrzehnt in Deutschland arbeiteten und nach Bulgarien zurückkehrten, um „zu Hause“ zu sein, das langsamere Leben zu genießen und in der Gemeinschaft verwurzelt zu sein.
Ein weiteres häufig genanntes Motiv in Online-Foren: Das Leben in Berlin – teuer, schnelllebig und bürokratisch – fühlte sich für viele Rückkehrer nicht wie „Zuhause“ an, selbst wenn es berufliche Chancen bot.
Folgen für Europa
Der bulgarische Fall zeigt einen größeren Wandel auf dem EU-Arbeitsmarkt: Remote-Arbeit verwischt nationale Grenzen. Statt dauerhaft in hochlohnenden Ländern zu migrieren, können Arbeitnehmer nun die finanziellen Vorteile westlicher Gehälter genießen, während sie in ihrer Heimat bleiben. Dies hat Auswirkungen auf:
- Talentverteilung: Städte wie Sofia könnten hochqualifizierte Arbeitskräfte anziehen, ohne dass diese dauerhaft ins Ausland ziehen müssen.
- EU-Migrationspolitik: Traditionelle Metriken zur Arbeitsmobilität und „Brain Drain“ müssen möglicherweise angesichts der Remote-Arbeit neu bewertet werden.
- Zukünftige Arbeitsmärkte: Arbeitgeber in ganz Europa werden Remote-Modelle zunehmend als strategisches Mittel einsetzen, um Talente unabhängig vom Standort zu halten.
Das aufkommende Muster von Bulgaren, die Deutschland verlassen, um remote zu arbeiten, spiegelt tiefgreifende Veränderungen in Bezug auf Arbeit, Leben und Migration wider. Fernarbeit – einst ein Nischenmodell – gestaltet Migration neu, ermöglicht Arbeitnehmern westliche Einkommen ohne vollständige Abwanderung. Trotz Herausforderungen bietet der Trend einen möglichen Weg für andere Länder, die Diaspora einzubinden, Abwanderung zu verringern, lokale Wirtschaft zu stärken und Lebensqualität für Bürger zu erhöhen.