Bundeskanzler Friedrich Merz richtete beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine eindringliche Botschaft an politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger aus aller Welt: Die Welt ist in ein neues Zeitalter der Großmachtpolitik eingetreten, in dem Russland und China die Vereinigten Staaten offen herausfordern – und Europa sich keine Selbstzufriedenheit mehr leisten kann. Seine Rede zeichnete den aktuellen Moment als einen entscheidenden Wendepunkt für die Europäische Union, der ihr Wirtschaftsmodell, ihre Sicherheitsarchitektur und ihren politischen Zusammenhalt auf die Probe stellt.
Merz’ Worte waren nicht nur wegen ihrer Klarheit bemerkenswert, sondern auch wegen ihrer Dringlichkeit. Vor dem Hintergrund der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, der sich verschärfenden Rivalität zwischen den USA und China sowie wachsender Unsicherheit über die langfristige Rolle Amerikas für die europäische Sicherheit argumentierte der Kanzler, dass die Illusion der Nachkriegsordnung – einer regelbasierten internationalen Ordnung, die Stabilität und Wohlstand garantiert – zerbrochen sei. An ihre Stelle trete ein transaktionaleres, machtgetriebenes globales System, in dem wirtschaftliche, technologische und militärische Stärke erneut über Einfluss entscheiden.
Die Rückkehr der Machtpolitik
Nach Ansicht von Merz ist das prägende Merkmal der heutigen Zeit die Erosion der US-Dominanz ohne das Entstehen eines klaren Nachfolgers. Russland habe mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine gezeigt, dass es bereit ist, militärische Gewalt einzusetzen, um Grenzen zu revidieren und die europäische Sicherheitsordnung herauszufordern. China wiederum verfolge eine langfristige Strategie zur Umgestaltung globaler Wirtschafts- und Technologiesysteme – häufig in einer Weise, die westliche Normen untergräbt.
„Die Welt organisiert sich nicht mehr allein über Kooperation“,
sagte Merz.
„Sie wird zunehmend von Rivalität zwischen Großmächten geprägt.“
In diesem Umfeld reichten Europas traditionelle Instrumente – Diplomatie, Handel und multilaterale Institutionen – nicht mehr aus, um Sicherheit und Wohlstand zu garantieren.
Merz betonte zugleich, dass Europa seine Verpflichtung zu Völkerrecht und Multilateralismus nicht aufgeben dürfe. Doch diese Prinzipien müssten durch harte Macht und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit untermauert werden. „Werte ohne Macht“, so Merz, „werden in dieser Welt nicht überleben.“
Europas strategische Verwundbarkeit
Ein zentrales Thema der Rede war Europas strategische Verwundbarkeit. Über Jahrzehnte habe die EU von einem globalen System profitiert, in dem die USA für Sicherheit sorgten, China günstige Industrieprodukte lieferte und Russland billige Energie bereitstellte. Dieses Modell, so Merz, sei an allen drei Stellen zerbrochen.
Russlands Krieg gegen die Ukraine habe Europas Energieannahmen zerstört und einen schmerzhaften sowie kostspieligen Abschied von russischem Gas erzwungen. Chinas wachsende Durchsetzungsfähigkeit habe die Risiken übermäßiger Abhängigkeiten offengelegt – insbesondere in kritischen Bereichen wie Batterien, Halbleitern und Seltenen Erden. Und die Vereinigten Staaten, obwohl weiterhin Europas wichtigster Verbündeter, konzentrierten sich zunehmend auf innenpolitische Prioritäten und den Wettbewerb mit China im Indopazifik.
Europa könne nicht länger davon ausgehen, dass US-Sicherheitsgarantien bedingungslos oder unbegrenzt seien, warnte Merz. Bei gleichzeitiger Bekräftigung der deutschen NATO-Verpflichtung machte er deutlich, dass die Europäer deutlich mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung übernehmen müssten.
„Strategische Abhängigkeit ist kein tragfähiges Fundament für Souveränität“,
sagte er.
Wettbewerbsfähigkeit als Sicherheitsfrage
Besonders auffällig an Merz’ Davoser Rede war seine Einschätzung, dass wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit heute untrennbar mit nationaler Sicherheit verbunden sei. Europa, so der Kanzler, falle in zentralen Bereichen wie digitaler Innovation, künstlicher Intelligenz und fortschrittlicher Fertigung hinter die USA und China zurück.
Merz verwies auf geringeres Wachstum, übermäßige Regulierung, fragmentierte Kapitalmärkte und zu geringe Investitionen in Forschung und Entwicklung als strukturelle Schwächen. Während die USA mit Programmen wie dem Inflation Reduction Act massive industriepolitische Impulse setzten und China weiterhin enorme staatlich gestützte Kapitalströme mobilisiere, bleibe Europa durch interne Spaltungen und fiskalische Zurückhaltung gebremst.
„Wenn Europa ein globaler Akteur bleiben will“, sagte Merz, „muss es wettbewerbsfähiger werden – schneller, innovativer und investitionsbereiter.“
Er forderte eine stärkere Integration der europäischen Kapitalmärkte, den Abbau bürokratischer Hürden für Start-ups sowie eine strategischere Industriepolitik, die Schlüsseltechnologien fördert, ohne den Wettbewerb zu verzerren.
Verteidigungsausgaben und industrielle Kapazitäten
Ein wesentlicher Teil der Rede war der Verteidigung gewidmet. Merz argumentierte, dass Europas militärische Schwäche längst kein theoretisches Problem mehr sei, sondern eine reale strategische Gefahr darstelle. Er würdigte die seit Russlands Angriff auf die Ukraine gestiegenen Verteidigungsausgaben in Europa, warnte jedoch, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichten.
Deutschland habe sich verpflichtet, das NATO-Ziel von mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben zu erfüllen – ein bedeutender Kurswechsel für ein Land, das militärischen Investitionen lange skeptisch gegenüberstand. Doch Ausgaben allein genügten nicht, betonte Merz. Europa müsse auch seine Verteidigungsindustrie wieder aufbauen, die durch jahrzehntelange Unterinvestitionen und Abhängigkeit von US-Systemen geschwächt worden sei.
Er sprach sich für eine stärkere Koordinierung der Rüstungsbeschaffung innerhalb der EU aus. Zersplitterte nationale Programme verschwendeten Ressourcen und verlangsamten die Produktion. Ein integrierter europäischer Verteidigungsmarkt würde die Abschreckung stärken, hochwertige Arbeitsplätze schaffen und die Abhängigkeit von externen Lieferanten verringern.
Russland, China und die Grenzen des Engagements
In seiner Bewertung Russlands ließ Merz keinen Zweifel. Er bezeichnete Moskau als revisionistische Macht, die bereit sei, Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele einzusetzen, und warnte davor, dass jede Lösung für die Ukraine, die Aggression belohne, die europäische Sicherheit für Generationen untergraben würde. Deutschland werde die Ukraine militärisch, wirtschaftlich und politisch so lange unterstützen, wie es nötig sei.
Gegenüber China schlug Merz einen differenzierteren Ton an. Er erkannte Chinas Bedeutung als Wirtschaftspartner an, warnte jedoch vor Illusionen über Pekings Absichten. Europa müsse „risiken mindern, nicht entkoppeln“, indem es kritische Abhängigkeiten reduziere und zugleich Handels- und Dialogkanäle offenhalte. Dieser Ansatz erfordere einen nüchternen Blick auf divergierende Interessen – und den politischen Willen, entsprechend zu handeln.
Ein Appell für europäische Einheit
Merz’ Rede war von einem klaren Appell zur europäischen Einheit durchzogen. Interne Spaltungen – zwischen Nord und Süd, Ost und West sowie großen und kleinen Staaten – seien Europas größte Schwäche in einer Ära der Großmachtkonkurrenz. Russland und China seien geschickt darin, diese Brüche auszunutzen, während die USA zunehmend erwarteten, dass Europa als geschlossener Partner auftrete.
Der Kanzler rief die EU-Staaten dazu auf, kurzfristige nationale Kalküle zu überwinden und eine strategischere Denkweise anzunehmen. „Europas Stärke“, sagte Merz,
„liegt in seiner Fähigkeit, gemeinsam zu handeln. Allein sind unsere Staaten Mittelmächte. Gemeinsam können wir die globale Ordnung mitgestalten.“
Europa am Scheideweg
Zum Abschluss seiner Rede formulierte Merz eine Warnung und eine Herausforderung. Die Rückkehr der Großmachtpolitik sei keine vorübergehende Störung, sondern eine dauerhafte Realität. Europa könne sich anpassen – durch Stärkung seiner Wirtschaft, Investitionen in Verteidigung und mehr Geschlossenheit – oder es riskiere, an den Rand gedrängt zu werden in einer Welt, die von anderen geprägt wird.
„Die Entscheidungen, die wir in den nächsten Jahren treffen“,
so Merz,
„werden darüber entscheiden, ob Europa Subjekt der Geschichte bleibt oder zum Objekt wird.“
Seine Botschaft fand in Davos Widerhall als Diagnose und Handlungsaufruf zugleich: In einer härteren, wettbewerbsintensiveren Welt hängt Europas Zukunft davon ab, ob es bereit ist, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen und in seine eigene Stärke zu investieren.