Ein Jahr nach der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus zeigen die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland deutliche Anzeichen von Spannung. Zwar hat das transatlantische Bündnis in der Vergangenheit bereits schwere Meinungsverschiedenheiten überstanden – vom Irakkrieg bis zu Handelskonflikten –, doch die aktuellen Spannungen reichen tiefer. Sie spiegeln strukturelle Verschiebungen in der globalen Machtordnung, auseinanderlaufende strategische Prioritäten und grundlegend unterschiedliche politische Weltanschauungen wider. Was sich abzeichnet, ist kein abrupter Bruch, sondern ein schleichendes, folgenreiches Auseinanderdriften, das eine der wichtigsten bilateralen Beziehungen der Weltpolitik neu definieren könnte.
Im Kern des sich abzeichnenden Risses steht der Gegensatz zwischen Trumps transaktionalem, nationalistischem außenpolitischem Ansatz und Deutschlands Bekenntnis zu Multilateralismus, regelbasierter Ordnung und europäischer strategischer Autonomie. Im Laufe des vergangenen Jahres sind diese Unterschiede immer schwerer zu überdecken gewesen.
NATO, Verteidigungsausgaben und strategisches Vertrauen
Die Sicherheitspolitik bleibt die sensibelste Bruchlinie. Trump hat seine langjährige Kritik an der NATO erneut aufgegriffen und wirft Deutschland wiederholt vor, auf Kosten der USA von Sicherheitsgarantien zu profitieren. Zwar hat Berlin seit dem russischen Angriff auf die Ukraine seine Verteidigungsausgaben deutlich erhöht und in einzelnen Haushaltsjahren die Zwei-Prozent-Marke des Bruttoinlandsprodukts erreicht, doch Trump bezeichnet diese Anstrengungen weiterhin als unzureichend und unzuverlässig.
Aus deutscher Sicht geht es dabei nicht nur um Geld. In Berlin wächst die Sorge, dass Trumps Rhetorik den Kern der NATO – das Prinzip der kollektiven Verteidigung – untergräbt. Selbst vage Andeutungen, die USA könnten Bündnispartner im Ernstfall nicht verteidigen, treffen die Glaubwürdigkeit des Bündnisses ins Mark. Für ein Land, dessen Sicherheitsarchitektur nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig auf NATO und US-Führung aufgebaut wurde, ist diese Unsicherheit zutiefst beunruhigend.
In deutschen Regierungskreisen werden deshalb leise Vorbereitungen für ein Szenario mit einem weniger verlässlichen Amerika vorangetrieben. Dazu gehören eine vertiefte Verteidigungsintegration innerhalb der Europäischen Union, eine intensivere Zusammenarbeit mit Frankreich und Polen sowie neue Debatten über bislang tabuisierte Fragen der europäischen nuklearen Abschreckung. Diese Schritte bedeuten keinen Abschied von der NATO, sind aber Ausdruck eines wachsenden Misstrauens gegenüber langfristigen Zusagen aus Washington.
Die Ukraine und die Grenzen der Gemeinsamkeit
Auch der Krieg in der Ukraine ist zu einer Quelle wachsender Spannungen geworden. Deutschland zählt weiterhin zu den größten militärischen und finanziellen Unterstützern Kyjiws in Europa, doch Trumps Skepsis gegenüber weiterer US-Hilfe sorgt in Berlin für erhebliche Unruhe. Deutsche Entscheidungsträger fürchten, dass ein deutlicher Rückzug Washingtons Europa politisch, finanziell und militärisch überfordern würde.
Trumps Darstellung des Krieges als kostspielige Belastung steht im scharfen Gegensatz zur deutschen Sichtweise, wonach das Überleben der Ukraine eine zentrale Voraussetzung für die europäische Sicherheit ist. Hinzu kommt die Sorge, ein von den USA vorangetriebener schneller Verhandlungsfrieden – insbesondere einer, der russische Gebietsgewinne legitimiert – könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen.
Diese Divergenzen bringen Deutschland in eine unbequeme Lage: Einerseits drängt Berlin Washington zum Durchhalten, andererseits bereitet es sich zunehmend darauf vor, im Falle eines amerikanischen Rückzugs mehr Verantwortung zu übernehmen. Das Ergebnis ist ein historisch seltenes Spannungsverhältnis aus Abhängigkeit ohne Vertrauen.
Handel, Industrie und wirtschaftlicher Nationalismus
Auch die Wirtschaftspolitik entwickelt sich zu einem Konfliktfeld. Trumps erneute Hinwendung zu Zöllen, industriepolitischem Protektionismus und „America First“-Strategien trifft deutsche Interessen unmittelbar. Als größte Exportnation Europas und industrielle Schwergewicht ist Deutschland besonders anfällig für US-Handelsbeschränkungen, etwa im Automobilsektor, im Maschinenbau oder bei grünen Technologien.
In Berlin wird kritisiert, dass amerikanische Industriesubventionen – insbesondere solche mit strikten Anforderungen an die inländische Produktion – globale Märkte verzerren und europäische Unternehmen benachteiligen. Zwar wurden viele dieser Maßnahmen bereits unter der vorherigen US-Regierung eingeführt, doch Trumps konfrontativer Ton und seine Bereitschaft, Handel als politisches Druckmittel einzusetzen, verschärfen die Sorgen.
Ein transatlantischer Handelskonflikt ist damit keine abstrakte Gefahr mehr. Deutschland stimmt sich zunehmend mit Paris und Brüssel ab, um handelspolitische Abwehrinstrumente zu entwickeln – von Gegenzöllen bis hin zu strengeren Investitionskontrollen. Maßnahmen, die vor einem Jahrzehnt politisch kaum vorstellbar gewesen wären, gelten heute als notwendige Vorsorge.
Klima, Energie und konkurrierende Zukunftsvisionen
Die Klimapolitik verdeutlicht den ideologischen Graben zusätzlich. Trumps Rücknahme von Umweltauflagen und seine offene Unterstützung fossiler Energien stehen im direkten Widerspruch zu Deutschlands Klimastrategie, die Dekarbonisierung ins Zentrum von Wirtschafts- und Außenpolitik stellt.
Deutschland betrachtet den Klimawandel zugleich als Sicherheitsrisiko, wirtschaftliche Chance und moralische Verpflichtung. Trump hingegen sieht darin vor allem eine Belastung für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Diese unterschiedlichen Perspektiven erschweren die Zusammenarbeit bei Energiefragen, sauberer Technologie und globaler Klimagovernance.
Ironischerweise haben sich die energiepolitischen Verflechtungen seit dem Abbau der Abhängigkeit von russischem Gas sogar vertieft, wobei US-Flüssiggas eine wichtige Rolle spielt. Doch auch hier bleibt Skepsis: Deutsche Politiker warnen davor, sich erneut einseitig von einem externen Lieferanten abhängig zu machen – insbesondere von einem, dessen außenpolitische Richtung als zunehmend unberechenbar gilt.
Werte, Demokratie und politische Kultur
Jenseits konkreter Politikfelder öffnet sich eine tiefere Kluft in Fragen der Werte. Trumps konfrontativer Stil, seine Angriffe auf Medien und Justiz sowie seine Skepsis gegenüber demokratischen Normen stoßen in Deutschland auf breite Ablehnung. Die historische Erfahrung prägt hier ein starkes Bekenntnis zu institutionellen Checks and Balances und liberaler Demokratie.
Zwar vermeiden deutsche Spitzenpolitiker offene moralische Belehrungen, doch das Unbehagen ist deutlich spürbar. Die öffentliche Meinung in Deutschland hat sich spürbar gegen die USA gewendet, das Vertrauen in amerikanische Führung schwindet parteiübergreifend. Dieser Verlust an Soft Power ist nicht trivial: Bündnisse beruhen letztlich nicht nur auf Interessen, sondern auch auf gemeinsamen Vorstellungen darüber, wie Macht ausgeübt werden sollte.
Gleichzeitig erschwert der Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland und Europa Berlins Position. Einzelne politische Akteure äußern offen Bewunderung für Trumps Stil, was interne Spannungen verstärkt und eine geschlossene deutsche Reaktion auf Washington erschwert.
Europas strategischer Scheideweg
Der sich abzeichnende Riss mit den USA zwingt Deutschland, lange verdrängte Grundsatzfragen neu zu stellen: Kann Europa sich selbst verteidigen, wenn amerikanische Unterstützung zunehmend konditional oder unzuverlässig wird? Sollte Deutschland eine stärkere Führungsrolle übernehmen – selbst auf die Gefahr innenpolitischer Gegenreaktionen? Und wie lässt sich wirtschaftliche Verflechtung mit den USA mit dem Streben nach strategischer Autonomie vereinbaren?
Bisher setzt Berlin auf einen Kurs des Abwägens und Absicherns statt klarer Entscheidungen. Doch je nachhaltiger Trumps Präsidentschaft die US-Außenpolitik prägt, desto schwieriger wird es, diese Haltung aufrechtzuerhalten.
Ein kontrolliertes Auseinanderdriften, kein Bruch
Trotz aller Spannungen ist ein vollständiger Bruch unwahrscheinlich. Die USA und Deutschland sind wirtschaftlich, militärisch und institutionell eng miteinander verflochten. Geheimdienstliche Zusammenarbeit besteht fort, US-Truppen sind weiterhin in Deutschland stationiert, und beide Seiten teilen nach wie vor ein Interesse an globaler Stabilität.
Was sich jedoch verändert, ist der Charakter der Beziehung. Vertrauen weicht Vorsicht, Partnerschaft wird zunehmend durch Kalkül ersetzt. Das deutsch-amerikanische Verhältnis entwickelt sich von einem wertebasierten Bündnis hin zu einer stärker transaktionalen Beziehung – enger gefasst, bedingter und fragiler.
Nach einem Jahr Trump ist der Riss noch nicht vollständig sichtbar, doch seine Konturen sind klar erkennbar. Setzen sich die aktuellen Entwicklungen fort, wird das transatlantische Verhältnis, das die Nachkriegsordnung geprägt hat, nicht zusammenbrechen – aber es wird nicht mehr dasselbe sein.