Deutschland hat Pläne angekündigt, rund 410 afghanische Flüchtlinge, die sich derzeit in Pakistan aufhalten, umzusiedeln. Damit setzt die Bundesregierung ihre begrenzten, aber fortlaufenden Bemühungen fort, Afghaninnen und Afghanen aufzunehmen, die bereits eine Aufnahmezusage erhalten haben. Die Entscheidung fällt in eine Zeit wachsender Belastungen für Aufnahmeländer, zunehmender humanitärer Sorgen und anhaltender innenpolitischer Debatten in Deutschland über Migration und internationale Verantwortung.
Nach Angaben des Bundesinnenministeriums gehören die Betroffenen zu jenen Personen, deren rechtliche und sicherheitsrelevante Prüfungen weitgehend abgeschlossen sind und die sich nun in der letzten Phase der Ausreisevorbereitungen befinden.
Wer für die Umsiedlung infrage kommt
Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte am Montag gegenüber der Deutschen Welle, dass etwa 360 Personen unter das Bundesaufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen fallen. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem:
- Journalistinnen und Journalisten sowie Medienschaffende, die unter der Herrschaft der Taliban verfolgt werden
- Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger sowie zivilgesellschaftliche Aktivisten
- Ehemalige Richter, Anwälte und Frauenrechtsaktivistinnen
- Personen, die sich öffentlich für demokratische Reformen oder westlich unterstützte Institutionen eingesetzt haben
Weitere rund 50 Personen gehören zu einem separaten Aufnahmeprogramm für ehemalige Ortskräfte deutscher Institutionen, darunter Dolmetscher, Logistikpersonal und andere Mitarbeitende, die deutsche militärische oder zivile Missionen in Afghanistan unterstützt haben.
Der Sprecher betonte, dass alle Fälle derzeit die letzten administrativen und sicherheitsrelevanten Prüfungen durchlaufen, bevor die Ausreise aus Pakistan erfolgen kann, wo viele Afghaninnen und Afghanen seit Jahren in rechtlicher Unsicherheit leben.
Jüngste Ankünfte zeigen fortgesetzte Transfers
Die Ankündigung folgt auf die Ankunft von 32 afghanischen Flüchtlingen in Berlin am vergangenen Freitag, die von Islamabad aus mit verbindlichen Aufnahmezusagen ausgereist waren. Deutsche Medien berichteten unter Berufung auf das Innenministerium, dass ihre Umsiedlung erfolgreich abgeschlossen worden sei und Teil der deutschen Verpflichtung sei, bereits erteilte Zusagen einzuhalten.
Obwohl diese Transfers zahlenmäßig begrenzt sind, betonen deutsche Regierungsvertreter, dass sie die Kontinuität der Politik trotz politischer Veränderungen und zunehmenden innenpolitischen Drucks zur Begrenzung irregulärer Migration widerspiegeln.
Deutschlands Aufnahmeprogramme nach 2021
Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 richtete Deutschland – wie mehrere andere westliche Staaten – verschiedene Notaufnahmeprogramme für gefährdete Afghaninnen und Afghanen ein. Diese Programme zielten darauf ab, unter anderem folgende Gruppen zu evakuieren und umzusiedeln:
- Ehemalige Mitarbeitende der Bundeswehr und deutscher Entwicklungsorganisationen
- Afghanische Partner deutscher Nichtregierungsorganisationen
- Personen, die aufgrund ihres Geschlechts, Berufs oder politischen Engagements verfolgt werden
Seitdem wurden mehrere tausend Afghaninnen und Afghanen nach Deutschland umgesiedelt, überwiegend aus Pakistan und dem Iran, wohin viele nach dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung geflohen waren. Der Prozess wurde jedoch wiederholt als langsam, bürokratisch und uneinheitlich kritisiert.
Politischer Kurswechsel unter der neuen Koalitionsregierung
Die derzeitige deutsche Koalitionsregierung, die im Mai 2025 ihr Amt antrat, verfolgt eine deutlich restriktivere Migrationspolitik. Zwar werden bereits genehmigte Fälle weiterhin bearbeitet und umgesetzt, doch neue Aufnahmeprogramme für Afghaninnen und Afghanen wurden ausgesetzt. Als Gründe nennt die Regierung begrenzte Kapazitäten, innenpolitische Erwägungen und sicherheitsrelevante Aspekte.
Zudem bestätigte das Innenministerium, dass über 600 Afghaninnen und Afghanen, denen zuvor eine Aufnahme in Aussicht gestellt worden war, letztlich abgelehnt wurden. Dies löste scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen und Oppositionspolitikern aus. In einigen Fällen seien Antragstellerinnen und Antragstellern finanzielle Anreize angeboten worden, um ihre Anträge zurückzuziehen und nach Afghanistan zurückzukehren – eine Praxis, die ebenfalls stark umstritten ist.
Regierungsvertreter argumentieren, diese Entscheidungen seien notwendig gewesen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Migrationssteuerung zu stärken und sicherzustellen, dass Aufnahmeverfahren rechtlich und sicherheitspolitisch tragfähig bleiben.
Gescheiterte Perspektiven für gestrandete Afghanen in Pakistan
Währenddessen sind zehntausende afghanische Flüchtlinge weiterhin in Pakistan gestrandet, viele von ihnen warten auf Umsiedlungsentscheidungen aus Deutschland, Kanada oder anderen westlichen Staaten. Ihre Lage hat sich verschärft, seit die pakistanischen Behörden ihre Maßnahmen zur Durchsetzung des Aufenthaltsrechts verschärft haben.
Zu den größten Herausforderungen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan zählen:
- Gefahr von Festnahmen oder Zwangsabschiebungen
- Abgelaufene Visa oder fehlende rechtliche Dokumente
- Eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Arbeit
- Bedrohungen durch militante Gruppen und kriminelle Netzwerke
Pakistan hat wiederholt erklärt, dass es große Flüchtlingsgruppen nicht unbegrenzt ohne stärkere internationale Unterstützung aufnehmen könne, was die Sorge vor verstärkten Abschiebungen nach Afghanistan weiter erhöht.
Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm
Menschenrechtsorganisationen fordern Deutschland und andere westliche Staaten eindringlich auf, die Umsiedlungsprozesse zu beschleunigen, und warnen vor lebensgefährlichen Folgen weiterer Verzögerungen.
Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentierten Fälle, in
denen afghanische Journalisten, Aktivisten und Frauenrechtler nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan gezielt verfolgt wurden. Ihrer Ansicht nach haben Staaten wie Deutschland sowohl eine moralische Verpflichtung als auch eine rechtliche Verantwortung, Personen zu schützen, die mit ihnen zusammengearbeitet haben oder eindeutig gefährdet sind.
„Diese Menschen haben Deutschland und anderen westlichen Ländern vertraut“, sagte ein Menschenrechtsvertreter. „Verzögerungen, Rücknahmen von Zusagen und bürokratische Hürden untergraben dieses Vertrauen und gefährden Leben.“
Innenpolitische Debatte in Deutschland
Auch innerhalb Deutschlands bleibt die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge ein politisch sensibles Thema. Befürworter argumentieren, dass Deutschlands internationale Glaubwürdigkeit und sein Einsatz für Menschenrechte davon abhängen, gegebene Zusagen einzuhalten. Zudem verweisen sie darauf, dass die Zahl der afghanischen Ankommenden nur einen kleinen Teil der gesamten Migration ausmache.
Kritiker hingegen warnen vor einer Überlastung öffentlicher Dienstleistungen und davor, dass weitere Aufnahmen die politische Polarisierung verstärken könnten. Rechtsgerichtete Parteien nutzen das Thema, um strengere Grenzkontrollen und ein Ende humanitärer Aufnahmeprogramme zu fordern.
Die Bundesregierung versucht, diese Spannungen durch Einzelfallprüfungen, strenge Sicherheitsüberprüfungen und internationale Zusammenarbeit auszugleichen.
Deutschlands Plan, 410 afghanische Flüchtlinge aus Pakistan aufzunehmen, verdeutlicht die langfristigen Herausforderungen, vor denen westliche Staaten nach dem Zusammenbruch Afghanistans stehen. Während die Evakuierungen weitgehend abgeschlossen sind, wirken die humanitären Folgen der Machtübernahme der Taliban weiterhin in der gesamten Region nach.
Für viele Afghaninnen und Afghanen, die noch immer in Pakistan auf eine Entscheidung warten, stellt der deutsche Schritt einen seltenen Hoffnungsschimmer dar – zugleich aber auch eine Erinnerung daran, wie begrenzt und unsicher die bestehenden Umsiedlungswege bleiben.
Da sich die internationale Aufmerksamkeit zunehmend anderen Krisen zuwendet, hängt das Schicksal tausender gefährdeter Afghaninnen und Afghanen davon ab, ob Länder wie Deutschland ihre Verpflichtungen beschleunigen oder ob politische Ermüdung und bürokratische Trägheit die Oberhand gewinnen.